Forschung und Praxis, 26.05.2006

Mit 40 Tonnen im Sekundenschlaf über die Autobahn

In einer aktuellen Umfrage unter LKW-Fahrern gaben 43 Prozent an, im vorangegangenen Jahr schon einmal während der Fahrt eingenickt zu sein. Sieben Prozent davon räumten für diesen Zeitraum sogar mehr als 100 Einnickepisoden hinter dem Steuer ein. Wenngleich diese nur einen kleineren Teil ausmachen, erwiesen sich Fahrer mit Verdacht auf ein Schlafapnoe-Syndrom als besonders risikoträchtig.

Viele LKW-Fahrer sitzen müde am Steuer. Häufig ist ihr Schlafbedarf deutlich höher, als es ihre Arbeitszeiten zulassen. Foto: Oliver Berg / dpa

Für die von Dr. Lutz-Dietrich Müller aus St. Gallen (ehemals Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität Tübingen) in Nürnberg vorgestellte und noch unveröffentlichte Tübinger Fernfahrerstudie waren von Januar bis Mai 2003 auf Autobahnraststätten im Großraum Stuttgart 348 Fernfahrer zum arbeitsmedizinischen Interview gebeten worden. 256 waren zur Teilnahme bereit.

Die Straßenkapitäne im Alter von 22 bis 68 Jahren (im Mittel 44 Jahre) gaben im Schnitt eine Fahrleistung von 153 000 Kilometern im Jahr an. Pro Woche sind sie im Mittel auch in 2,3 Nächten unterwegs. Etwa 45 Prozent der Teilnehmer räumten ein, daß ihr Schlafbedarf deutlich höher liegt, als es ihre Arbeitszeiten zulassen. Im Mittel wurde ein chronisches subjektives Schlafdefizit von täglich knapp zwei Stunden errechnet.

111 von 256 Fernfahrern (43,4 Prozent) gaben an, sich für das zurückliegende Jahr an mindestens eine Einnickepisode hinter dem Steuer erinnern zu können. Als gefährlichste Zeit, einem schlafenden Trucker in voller Fahrt zu begegnen, läßt sich aus der vorliegenden Studie die Spanne zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens ableiten.

Aus den Daten der Befragung wurden im Schnitt 10,8 Einnickepisoden pro Fahrer und Jahr errechnet. Die individuellen Angaben reichten von 0 bis 300 jährlichen Sekundenschlaf-Episoden während des Fahrens. Immerhin acht Befragte gestanden 100 oder mehr Einnickepisoden pro Jahr ein.

Zwar erfüllten nur 14 der 256 erfaßten LKW-Fahrer die Verdachtskriterien einer Schlafapnoe. Im Vergleich zu Schlafapnoe-unverdächtigen Fahrern hatten sie aber offensichtlich ein knapp 20faches Einnickrisiko am Steuer. Und auch die auf die gesamte bisherige Berufskarriere bezogene Zahl an zugegebenen Beinahe-Unfälle wegen Einnickens war bei den Schlafapnoikern dramatisch erhöht (11 versus 1). (wst)

Schlafapnoe - Risikofaktor für Schlaganfall und Arrhythmien

Patienten mit Schlafapnoe-Syndrom haben nach neuen Studien ein doppelt bis vierfach erhöhtes Risiko für nächtliche Arrhythmien und ein doppelt so hohes Schlaganfallrisiko wie Menschen ohne diese Atmungsstörung.

In der einen Studie wurde die Häufigkeit von nächtlichen Herzrhythmusstörungen bei Patienten mit (n = 228) und ohne (n = 338) Schlafapnoe bestimmt. Das Ergebnis: In der Schlafapnoe-Gruppe traten signifikant häufiger Vorhofflimmern (4,8 vs. 0,9 Prozent), vorübergehende ventrikuläre Tachykardien (5,3 vs. 1,2 Prozent) oder komplexe ventrikuläre Ektopien (25 vs. 14,5 Prozent) auf. Bei Patienten mit Schlafapnoe ist somit das Risiko für Vorhofflimmern vierfach, für ventrikuläre Tachykardien dreifach und für komplexe ventrikuläre Ektopien zweifach erhöht (Am J Respir Crit Care Med 173, 2006, 910).

Daß Schlafapnoe-Patienten ein um knapp das Doppelte erhöhtes Risiko für Schlaganfall oder Tod haben, ist in einer Beobachtungsstudie mit 1022 Patienten, davon 677 mit Schlafapnoe, gezeigt worden. Dabei erwies sich die Schlafapnoe zudem als unabhängiger kardio- und zerebrovaskulärer Risikofaktor (NEJM 353, 2005, 2034).

Die Therapie bei Schlafapnoe orientiert sich primär am Schweregrad der Erkrankung. Bei einem Teil der Patienten reicht es, wenn sie abnehmen, keinen Alkohol trinken und nicht rauchen sowie auf einen regelmäßigen Schlaf achten. Oft ist jedoch eine Überdruckbeatmung nötig. Hierbei wird den Patienten mit geringem Überdruck über eine Nasenmaske Luft zugeführt. Der Überdruck hält den Rachen offen, obstruktive Apnoen können so nicht mehr entstehen. (eb) 

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