Ärzte Zeitung, 27.10.2006

Schichtarbeiter-Syndrom auch bei Ärzten häufig

Chirurgen machen nach Nachtdiensten 20 Prozent mehr Fehler / Medikament steigert Schlafqualität

REGENSBURG (sto). Nacht- und Schichtarbeiter haben vermehrt Störungen des natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Schlafstörungen, besonders wenn sie älter als 45 Jahre sind. Davon sind auch Ärzte nicht ausgenommen: Nach einer Nachtschicht machen Chirurgen etwa 20 Prozent mehr Fehler.

Im Op brauchen Ärzte nach einer Nachtschicht 14 Prozent mehr Zeit für einen Eingriff als Chirurgen, die vorher keinen Nachtdienst hatten. Foto: dpa

Nachtschichtarbeiter müßten sich nicht nur einem unnatürlichen Rhythmus anpassen, wenn normale Arbeits- und Schlafzeiten vertauscht oder verschoben werden, sagte der Chronobiologe Professor Christian Cajochen von der Universität Basel. Ihre Schlafdauer ist zudem im Vergleich zu Menschen, die tagsüber arbeiten, um zwei bis vier Stunden pro Tag verkürzt.

Größte Müdigkeit zwischen zwei Uhr und fünf Uhr morgens

Die größte Müdigkeit mit einem Abfall der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit tritt zwischen zwei Uhr und fünf Uhr morgens auf, sagte Cajochen auf einem Symposium von Cephalon beim Schlafmedizin-Kongreß in Regensburg.

Besonders betroffen vom Schichtarbeiter-Syndrom, also von exzessiver Schläfrigkeit während der Arbeit oder Schlaflosigkeit zur Hauptruhezeit, seien Personen, die schon jahrelang regelmäßig Schicht- und Nachtarbeit leisten. Unaufmerksamkeit, eine Häufung von Fehlern und Unfälle sind oft die Folge.

Studien hätten ergeben, daß etwa Chirurgen nach einer Nachtschicht bei einer simulierten Op 20 Prozent mehr Fehler machen und 14 Prozent mehr Zeit benötigen als Operateure, die vorher keinen Nachtdienst hatten, sagte Privatdozent Ingo Fietze von der Charité in Berlin.

Während der Nachtarbeit schlafen 74 Prozent der Ärzte ein

Bei einer Befragung britischer Ärzte hätten 81 Prozent angegeben, während der Nachtschicht müde zu sein. 74 Prozent berichteten sogar, während der Arbeit eingeschlafen zu sein. Grund für die starke Müdigkeit während der Nachtschicht sei auch die schlechte Qualität des Schlafes tagsüber, sagte Fietze.

Zu den gesundheitlichen Risiken bei Schichtarbeit gehören außer einem erhöhten Medikamenten- und Alkohol-Mißbrauch auch Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen. Allerdings sei die Anfälligkeit dafür individuell sehr unterschiedlich, so Fietze. Ab dem 45. Lebensjahr nehme die Intoleranz gegenüber Schichtarbeit jedoch erheblich zu.

Eine Option beim Schichtarbeiter-Syndrom ist das Psychostimulanz Modafinil (Vigil®). Damit kam es in Studien zu einer deutlichen Verbesserung von Schlaf und Leistungsfähigkeit, sagte Cajochen.

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