Ärzte Zeitung online, 11.02.2010

Wie Schlaf- und Beruhigungsmittel süchtig machen

GENF (eb). Weit verbreitete Schlaf- und Beruhigungsmittel lösen im Hirn funktionale Veränderungen aus, die zu zwanghaftem Suchtverhalten führen können. Bisher war umstritten und unklar, ob und wie die Mittel süchtig machen. Forscher haben jetzt entdeckt, dass diese Mittel genauso wie Drogen wirken und abhängig machen.

Forscher um Professor Christian Lüscher von der Universität Genf konnten nachweisen, dass Benzodiazepine - genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch - gezielt die Aktivität der Nervenzellen herunterschrauben, die das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es mit der Zeit das zwanghafte Verhalten auslösen, das die Sucht definiert.

Süchtig machende Wirkung von Benzodiazepin

Die Forscher haben aufgedeckt, dass die süchtig machende Wirkung der Benzodiazepine von GABA(A)-Rezeptoren mit der Untereinheit alpha1 abhängig ist. Sie verabreichten Mäusen Benzodiazepine, worauf sich deren Hirnfunktionen veränderten und schließlich zu einer verstärkten Aktivität des Belohnungssystems führten. Darüber hinaus bevorzugten diese Mäuse im Laufe von einigen Tagen immer mehr die Flasche, die in Zuckerwasser gelöste Benzodiazepine enthielt, auch wenn ihnen eine andere von außen identische aber nur mit Zuckerwasser gefüllte Flasche zur Verfügung stand. Aber Mäuse, deren Untereinheit alpha1 aufgrund einer Mutation keine Benzodiazepine an sich binden konnte, verloren weder die Kontrolle über ihr Belohnungssystem im Hirn, noch legten sie ein suchtgeprägtes Verhalten an den Tag.

Benzodiazepine docken an Eiweiße

Benzodiazepine docken sich an bestimmte Eiweiße, so genannte GABA(A)-Rezeptoren, an. Diese sind - je nach Nervenzelle, auf deren Oberfläche sie sich befinden - aus unterschiedlichen Untereinheiten zusammengesetzt und vermitteln verschiedene Funktionen. Weil die momentan auf dem Markt erhältlichen Benzodiazepine (mit wenigen Ausnahmen) sich an alle Untereinheiten binden, wirken sie sich vielfältig aus. Sie heben etwa Angstzustände auf, lösen epileptische Muskelkrämpfe und fördern den Schlaf - aber machen gleichzeitig auch süchtig.

Für Lüscher steht fest, dass aufgrund seiner Resultate die Entwicklung von angstlösenden, aber nicht süchtig machenden Wirkstoffen prinzipiell möglich ist. Solche selektiv wirksamen Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten interagieren, sind zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt.

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel gehören zur Klasse der Benzodiazepine. Obwohl die Gefahr der Gewöhnung bei regelmäßiger Einnahme dieser Arzneimittel bekannt ist und Benzodiazepine als Medikamente mit der weltweit höchsten Missbrauchsrate gelten, war bisher umstritten und unklar, wie sie süchtig machen.

Die Forschungsarbeit wurde vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert.

Abstract der Studie: "Neural bases for addictive properties of benzodiazepines"

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