Ärzte Zeitung, 22.03.2016

High-End-Insomnie

Entgiften ist oft die beste Therapie

Michael Jackson litt an einer extremen Schlaflosigkeit - und starb an der falschen Therapie. Auch eine Psychose kann den Schlaf rauben. Manchmal hilft dann nur noch die Elektrokrampftherapie.

Von Thomas Müller

Entgiften ist oft die beste Therapie

Michael Jackson ist wohl das populärste Beispiel einer aus dem Ruder gelaufenen Insomnietherapie.

© ASSOCIATED PRESS / picture alliance

MAINZ. Es ist wohl der spektakulärste Fall einer gescheiterten Insomnietherapie: Am 25. Juni 2009 starb die Popikone Michael Jackson an einer Überdosis Schlaf- und Betäubungsmittel - eingeflößt von seinem Leibarzt Dr. Conrad Murray. Dieser hatte in jener Nacht kaum etwas ausgelassen, um den verzweifelten Jackson in den Schlaf zu wiegen.

Das Drama begann um ein Uhr nachts, als der Sänger von einer Probe nach Hause kam. Laut einem Bericht, den Murray zu Protokoll gab, begann er die Schlaftherapie gegen 1.30 Uhr morgens mit 10 mg Diazepam. Das Benzodiazepin zeigte bei dem Schlafmittel-erprobten Künstler jedoch keinerlei Wirkung.

Propofol ließ ihn schlafen -für immer

Gegen zwei Uhr morgens löste Murray 2 mg Lorazepam in einer Infusionslösung auf, die er Jackson verabreichte, um eine Dehydrierung nach der Probe zu vermeiden. Doch auch das nützte nichts. Murray fuhr gegen drei Uhr morgens mit 2 mg Midazolam fort, was noch immer nicht genügte, um den Schlaf einzuleiten.

 Der Leibarzt riet Jackson nun, es mit Meditation zu versuchen. Tatsächlich fand er etwas Schlaf - zehn bis zwölf Minuten. Jackson klagte über den hohen Druck, er werde Proben und Konzerte abbrechen müssen, wenn er nicht genug schlafe.

Um fünf Uhr morgens gab ihm Murray erneut 2 mg Lorazepam. Jackson schlief noch immer nicht. Um halb acht Uhr fuhr Murray mit 2 mg Midazolam fort, auch das zeigte keine Wirkung. Gegen zehn Uhr morgens schrie der Sänger nach seiner "Milch".

Gemeint war Propofol. "Lassen Sie mich schlafen, egal wie", soll er gesagt haben. Gegen elf Uhr morgens gab der Arzt schließlich nach und infundierte ihm 25 mg des Anästhetikums. Kurz darauf schloss Jackson das letzte Mal seine Augen - die Atmung brach zusammen.

Lösung: "die komplette Entgiftung"

Sämtliche der genannten Mittel konnten Forensiker im Körper von Jackson nachweisen, umstritten blieb jedoch im späteren Prozess, in welchen Dosierungen sie ihm tatsächlich verabreicht worden waren. Der Leibarzt wurde später vor Gericht gefragt, wie oft er zuvor seinen Patienten mit Propofol betäubt hatte. "Zwei Monate lang, jeden Tag", sagte er.

"Man kann mit einer entsprechenden Dosierung von Anästhetika bei jedem Patienten den Schlaf erzwingen", erläuterte Professor Göran Hajak auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Mainz. "Die Frage ist: Wie geht es ihm am nächsten Tag, ist er fit - oder überlebt er überhaupt die Manipulation?", sagte der Psychiater und Schlafforscher von der Uniklinik Regensburg. Bei einer "High-End-Insomnie", wie Jackson sie hatte, wäre wohl nur eine Therapie richtig gewesen: die komplette Entgiftung.

Betroffen von einem solch extremen Verlauf sind nicht nur Multimillionäre mit Leibärzten, die ihnen entgegen jeder medizinischen Vernunft sämtliche Wünsche erfüllen. Hajak konnte auf der Tagung auch Beispiele von Patienten vorstellen, die in Bezug auf ihren Schlafmittelkonsum durchaus mit dem US-Sänger konkurrieren konnten.

So stellte sich in seiner Klinik ein 57-jähriger Verkäufer vor, der behauptete, maximal zwei Stunden pro Nacht zu schlafen. Tatsächlich kam er im Labor kaum über das zweite Schlafstadium hinaus, war einen Großteil der Nacht wach und erreichte nur kurze REM-Schlafphasen.

Bei der Erhebung der Medikation staunten die Ärzte nicht schlecht: Gegen 19 Uhr begann der Mann in der Regel mit 20 mg Diazepam, es folgten zwei Stunden später 250 mg Trimipramin, gegen 22.30 Uhr dann 40 mg Zolpidem und 200 mg Levomepromazin. Wenn er zwischen zwei und vier Uhr morgens aufwachte, legte er 20 bis 40 mg Zaleplon nach.

Um gegen sechs Uhr aus dem Bett zu kommen, nahm er 300 mg Modafinil und zwei Stunden später 300 mg Bupropion. Hier, so Hajak, half nur eine komplette achtwöchige Entgiftung. Anschließend normalisierte sich das Schlafmuster wieder.

Experte: "Kein Plädoyer gegen die Schlafmitteltherapie"

Solche Beispiele illustrieren, wie sehr eine medikamentöse Insomnietherapie aus dem Ruder laufen kann. Hajak wollte dies aber nicht als Plädoyer gegen die Schlafmitteltherapie verstanden wissen, - es gebe keinen Grund, diese zu dämonisieren, wie es in vielen Publikumsmedien geschehe.

"Die Diskussion, ob eine Pharmakotherapie gut oder schlecht ist, wird offenbar immer mehr von subjektiven Einstellungen und immer weniger von Daten geführt", so der Experte. Hypnotika seien bei vielen Patienten indiziert und hilfreich, Ärzte sollten jedoch wachsam sein, wenn diese augenscheinlich nicht zum Erfolg führten.

Hajak sprach von einem Teufelskreis, der entsteht, wenn Patienten die Ursachen der Schlafprobleme - häufig erhebliche Stresssituationen - nicht angehen. Dann geraten sie leicht in Abhängigkeit von Hypnotika, die ihrerseits beim Dauerkonsum in hohen Dosierungen den Schlaf stören.

Nicht immer steckt hinter einer extremen Insomnie jedoch ein Medikamentenmissbrauch. Hajak nannte als Beispiel einen 53-jährigen Labortechniker, der angab, seit sieben Jahren unter progredienten Ein- und Durchschlafstörungen zu leiden. Die Schlafdauer habe sich immer mehr reduziert. Er behauptete, seit vier Woche überhaupt nicht mehr zu schlafen, weshalb er an schwersten Konzentrations- und Leistungsstörungen leide.

Fünf Jahre lang sei er erfolglos von drei Hausärzten, zwei Internisten sowie diversen Naturheilkundlern mit Hypnotika, Akupunktur und Naturheilmitteln behandelt worden, auch eine einjährige Psychotherapie habe nicht gefruchtet. Sein Hausarzt überwies ihn mit der Bemerkung, er habe alle Medikamente abgesetzt, weil sie ihm schadeten. Zudem drohte der Patient die Ärzte wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen, sollte er nicht schnell einen Termin bekommen.

"Entfesselnde Wachstrahlung"

Das Schlafprofil war tatsächlich schlecht, der Patient wurde immer wieder wach. Auch unter 2 mg Flunitrazepam zeigte sich kaum eine Besserung. Auf die richtige Spur kamen die Ärzte anhand von Äußerungen wie "die Schlafstörung zerlegt meinen Körper", "Schlafmittel vergiften die Körpersäfte" oder "das Gehirn wird durch Wachstrahlung entfesselt".

Zudem war der Mann der Auffassung, dass die Menschheit "am Wachkoma stirbt". Spätestens da wurde den Psychiatern um Hajak klar, dass der Mann primär keine Hypnotika, sondern Neuroleptika benötigte. Allerdings bekamen die Ärzte auch damit die Psychose und die Schlafprobleme nicht in den Griff. Erst die Elektrokrampftherapie brachte den Durchbruch - und einen normalen Schlaf.

Es ist immer sehr wichtig, die Ursachen der Insomnie aufzuspüren, sagte Hajak. Diese seien für die Behandlung entscheidender als die Fragen, ob eine Psychotherapie mehr nützt als Hypnotika und welche Medikamente zu bevorzugen sind. "Wir müssen schauen, was der einzelne Patient braucht." Für den einen sei vielleicht eine Psychotherapie das Beste, für den anderen ein Hypnotikum, um mit gelegentlichem Stress besser fertig zu werden.

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