Ärzte Zeitung, 29.03.2004

HINTERGRUND

Alcopops sind für die Jugendlichen die größte Versuchung

Von Cornelia Durst

Studien zu Alkohol- und Nikotinkonsum und zum Mißbrauch illegaler Drogen gibt es zur Genüge - doch wie sieht es mit dem Konsumverhalten deutscher Kinder und Jugendlichen im europäischen Vergleich aus? Erstmals haben sich Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Klassen aus Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen an der sogenannten ESPAD-(Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen)Studie beteiligt.

Gesammelt wurden im vergangenen Jahr die Daten von 11 043 Mädchen und Jungen. Die Schüler wurden mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens, der auch in anderen europäischen Ländern eingesetzt worden ist, zum Konsum psychoaktiver Substanzen sowie zu ihren persönlichen Einstellungen und zur Risikoabschätzung befragt. Ein Vergleich mit anderen europäischen Ländern wird nach Angaben einer Sprecherin aus dem Büro der Bundesdrogenbeauftragten frühestens in der zweiten Jahreshälfte möglich sein. Ergebnisse aus anderen EU-Ländern liegen bislang nicht vor.

Mehr Schülerinnen als Schüler greifen zur Zigarette

Die Ergebnisse der deutschen Studie im einzelnen: 77,8 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler der beiden Jahrgangsstufen neun und zehn gaben an, jemals in ihrem Leben geraucht zu haben. Als aktuelle Konsumenten verstehen sich 46,7 Prozent der Befragten. Dabei rauchen mehr Schülerinnen (48,4 Prozent) als Schüler (44,9 Prozent).

Der erste Griff zum Glimmstengel wird immer früher gemacht: 42,4 Prozent aller Befragten gaben an, im Alter von zwölf Jahren oder früher erstmals eine Zigarette geraucht zu haben. Nur sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler haben im Alter von 15 Jahren oder später erstmals an einer Zigarette gezogen.

Die Studie gibt auch Auskunft darüber, wo Präventionsprogramme zukünftig ansetzen müssen - nämlich direkt im Freundeskreis: Rauchen die Freundinnen und Freunde, so sind die Jugendlichen viel stärker der Gefahr ausgesetzt, auch zum Raucher zu werden. "Rauchende Freunde können die Einstellung zum Tabakkonsum beeinflussen, als Verhaltensmodelle fungieren oder die Verfügbarkeit von Zigaretten sicherstellen", heißt es in der Analyse der Daten.

Gelegentliches Rauchen wird als wenig riskant eingestuft

Jugendliche, die rauchen, schätzen übrigens die Zahl der Raucher in ihrem Bekanntenkreis höher ein als Jugendliche, die nicht rauchen (81,6 zu 42,8 Prozent). Wie aber schätzen die Jugendlichen das Risiko des Rauchens ein? Gelegentlicher Tabakkonsum wird von der Mehrheit der Befragten als gering eingestuft: Kein Risiko sehen 14,2 Prozent, ein geringes Risiko 46,6 Prozent.

Erstaunliches liefert der Vergleich der Schultypen. Halten 93,7 Prozent der Gymnasiasten gelegentliches Rauchen für kaum schädlich, gehen immerhin 13,1 Prozent der Hauptschüler davon aus, daß auch nur wenige Zigaretten am Tag zu gesundheitlichen Schäden führen können. Im Vergleich der Bundesländer ist die Quote der Jugendlichen, die schon einmal geraucht haben, in Mecklenburg-Vorpommern am höchsten, gefolgt von Brandenburg, Thüringen, Bayern, Hessen und Berlin.

Ein ähnliches Bild - was den generellen Konsum angeht - ergibt sich bei der Frage nach dem Genuß von Alkohol. Hier gaben nur drei Prozent aller Befragten an, noch nie Alkohol getrunken zu haben. In der 30-Tages-Prävalenz (Hast Du in den vergangenen 30 Tagen Alkohol getrunken?) gaben 15,2 Prozent der Jungen und 16,4 Prozent der Mädchen an, keinen Alkohol getrunken zu haben.

Am verführerischsten sind für die Jugendlichen die sogenannten Alcopops, die der Gesetzgeber jetzt mit einer Steuer belegen will. In den letzten Tagen haben laut Studie 63,1 Prozent der Jugendlichen zu den süß-süffigen Getränken gegriffen, gefolgt von Bier (55,7 Prozent), Spirituosen (51 Prozent), Wein oder Sekt (50 Prozent). Von mindestens einem Rauscherlebnis einen Monat vor der Erhebung berichten 37,9 Prozent der Jugendlichen. Dabei trinken mehr Hauptschüler (41,4 Prozent) bis zum Rausch als Gymnasiasten (34,6 Prozent).

Auch beim Einstiegsalter zeigt sich ein ähnlicher Verlauf wie beim Tabakkonsum: Bis zum Alter von zwölf Jahren hat etwa die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler bereits einmal Alkohol getrunken. Im Alter von 16 Jahren berichten 97 Prozent der Jungen und Mädchen über Erfahrungen mit dem Genuß von Alkohol.

Ein erster Ansatz, wie künftige Präventionsprogramme aussehen könnten, ergibt sich durch die Frage nach der Wirkerwartung von Alkohol: 50 Prozent der Befragten erwarten von Alcopos und Co. Spaß, eine Steigerung der Kontaktfreudigkeit, Glücksgefühle und Entspannung. Nur etwa neun Prozent erwarten auch negative Folgen.

Die Studie trifft auch erste Aussagen zum Konsum von illegalen Drogen: Im Vergleich zu anderen Untersuchungen liegt die Prävalenzrate bei den Schülerinnen und Schülern der ESPAD-Studie im Durchschnitt höher. 32,6 Prozent der Jugendlichen berichten hier über Erfahrungen mit illegalen Drogen - eine Vergleichsstichprobe bei Jugendlichen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Berlin im Jahr 2000 hatte noch Konsumentenquoten von 19,6, 20,4 und 30,8 Prozent ergeben.

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