Forschung und Praxis, 01.08.2005

Nikotin-Vakzine kann helfen, vom Rauchen loszukommen

Hohe Abstinenzrate bei Patienten mit hohen Antikörpertitern nach Impfung

In Deutschland sterben jedes Jahr schätzungsweise 111 000 Menschen an den Folgen des Rauchens - davon etwa 43 000 an einem Bronchialkarzinom. Vom Nikotin wegzukommen schaffen die meisten Raucher nicht - trotz verhaltenstherapeutischer oder medikamentöser Unterstützung. Hoffnung setzt man auf eine in der Schweiz entwickelte Vakzine gegen Nikotin, die in einer Phase-II-Studie bislang erfolgreich getestet wird: Mehr als die Hälfte der Raucher mit hohen Antikörpertitern sind sechs Monate nach Therapiebeginn abstinent.

Das Verlangen nach der nächsten Zigarette durch eine Impfung bei vielen Rauchern stoppen zu können, ist keine Utopie mehr. Foto: dpa

Raucher-Entwöhnung ist eine frustrane Angelegenheit. Die meisten Betroffenen schaffen es trotz guter Vorsätze, verhaltensorientierter Tabak-Entwöhnung, Medikamenten wie Bupropion oder Nikotinersatz mit Kaugummis und Pflastern nicht, mit dem Rauchen aufzuhören: Mit diesen Methoden lassen sich lediglich Abstinenzraten von 15 bis 25 Prozent für ein Jahr erreichen. Wird Verhaltenstraining mit Nikotinersatz oder Medikamenten kombiniert, halten immerhin 35 Prozent den Nikotinentzug ein Jahr lang durch.

Erste ermutigende Ergebnisse mit Impfstoff gegen Nikotin

Eine Vakzine gegen Nikotin hat das Unternehmen Cytos Biotechnology aus Zürich entwickelt, deren Wirksamkeit zur Zeit in einer großen Phase-II-Studie geprüft wird. Teilnehmer sind 341 Raucher, die seit mindestens drei Jahren täglich 10 bis 40 Zigaretten rauchten und bereit waren, das Rauchen aufzugeben.

Ein Drittel hat ein Placebo-Präparat injiziert bekommen, die übrigen einen Impfstoff auf Nikotinbasis. Geimpft wurde fünf Mal im Abstand von je dreißig Tagen. Alle Teilnehmer erhielten zudem Tips zur Raucherentwöhnung. Die Teilnehmer wurden vier, fünf und sechs Monate nach Therapiebeginn gefragt, wie sie es mit dem Rauchen hielten. Außerdem wurden die Aussagen durch Labormessungen überprüft.

Die Ergebnisse der Zwischenauswertung dieser bislang weltweit größten klinischen Studie zur Nikotin-Impfung hat Professor Jacques Cornuz von der Universität Lausanne in Orlando vorgestellt. Die Daten sind durchaus ermutigend: Die Vakzine löste in Tests eine Immun-Antwort gegen Nikotin bei allen Geimpften aus, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Aber helfen die Antikörper gegen Nikotin auch, die Sucht zu unterdrücken? "Das Ergebnis übertraf unsere Erwartungen", sagte Cornuz. Sechs Monate nach Therapiebeginn zeichnet sich ab, daß vor allem die Teilnehmer mit hohen Antikörpertitern eine hohe Abstinenzrate erreichen: 57 Prozent der Teilnehmer, die hohe Antikörpertiter entwickelt hatten, waren abstinent.

Unter den Rauchern mit mittleren und niedrigen Antikörpertitern waren es nur 32 Prozent und damit nicht signifikant mehr als mit Placebo (31 Prozent). Die hohe Abstinenzrate mit Placebo erklärt Prüfarzt Dr. Karl Klingeler vom Schweizer Lungenzentrum Hirslanden damit, daß Injektionen und häufige Arztkontakte einen hohen Placebo-Effekt haben.

Antikörper verhindern, daß Nikotin ins Gehirn gelangt

Ziemlich abstrus schien vielen Forschern bis dato, durch Impfung ein komplexes Verhalten wie die Abhängigkeit von Suchtstoffen zu mindern. Schließlich ist Rauchen nicht nur mit der Wirkung von Nikotin im Gehirn assoziiert, sondern mit "Millionen Mal ausgeführten Handbewegungen und sozialem Verhalten", sagt Klingeler.

Aber Vorversuche an immunisierten Ratten hatten ergeben: Antikörper fangen Nikotin im Blut ab und verhindern, daß es ins Gehirn gelangt. Sie vermindern die Wirkung von Nikotin auf Herz und Blutgefäße. Sie unterdrücken die Selbstversorgung der Ratten mit nikotinhaltiger Nahrung und bremsen die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn, die Belohnung signalisieren. "Eine effektive Impfung gegen Nikotin würde natürlich auch mit Verhaltenstraining kombiniert", sagt Klingeler. (nsi / mar)

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