Ärzte Zeitung, 14.10.2005

HINTERGRUND

"Nur Idealisten bieten noch eine Substitutionstherapie an"

Von Marion Lisson

Christian F. sitzt unruhig im Wartezimmer seines Hausarztes. Der 24jährige sieht übernächtigt aus, seine Jeans wirkt schmuddelig, sein Hemd ist zerknittert und hängt schlaff an ihm herab. Andere Patienten haben sich im Wartezimmer bereits mit deutlichem Abstand zu dem jungen Mann einen Platz gesucht.

    Manche Ärzte haben das Gefühl, immer mit einem Bein im Gefängnis zu stehen.
   

Christian F. sieht aus wie ein Junkie, und er ist auch einer. "Ich will weg von dem Zeug, ich hab keinen Bock mehr, mir das Geld zusammenzuklauen, um meinen nächsten Schuß bezahlen zu können", erzählt er offen. Den Entzug traut er sich noch nicht zu. Die Substitutionstherapie soll sein erster Schritt ins neue Leben sein.

Christian F. ist einer von 7517 Drogenabhängigen in Baden-Württemberg, die eine Substitutionsbehandlung erhalten. Doch es wird für die zumeist jungen Menschen immer schwieriger, einen Arzt zu finden, der bereit ist, Drogenabhängigen täglich ihre Ration Methadon auszuhändigen.

"Die Drogensüchtigen müssen schon jetzt in vier oder fünf Praxen nachfragen, bis sie einen Arzt finden", bestätigt Suchtmediziner Dr. Frank Matschinski aus Stuttgart, der dem Vorstand der Suchtmedizinischen Arbeitsgemeinschaft der Region angehört.

Prüfungen durch die KVen sind oft sehr zeitraubend

Und dieser Mangel an Suchtmedizinern hat seine Ursachen: "Der bürokratische Aufwand für die Mediziner ist groß und die regelmäßigen Prüfungen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen sind zeitraubend", klagt Dr. Christian Meyer-Kramer. Der Internist aus Stuttgart betreibt seit zehn Jahren eine Schwerpunktpraxis und betreut dort zur Zeit 60 Drogenabhängige. Auch andere Mediziner schimpfen.

Der enorme Aufwand, verbunden mit dem Gefühl ständig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, sei angesichts der Honorierung der Leistungen nicht akzeptabel, hört man von einem Hausarzt aus dem Rhein-Neckar-Kreis. Er habe es sich zweimal überlegt, ob er diese Patientengruppe in seine Praxis aufnehmen wolle, gesteht er ehrlich.

Er habe befürchtet, daß andere Patienten dann wegbleiben würden. Seine Lösung war pragmatisch, wenngleich es ihm ein wenig unangenehm ist, darüber zu sprechen. Der Mediziner baute einen gesonderten Eingang für seine drogenabhängigen Patienten und bringt sie in einem separaten Wartezimmer unter.

Suche nach psychosozialem Betreuungsplatz ist aufwendig

Wie groß der tägliche Aufwand unter anderen ist, berichtet Dr. Albrecht Ulmer. Eine seiner Helferinnen sei fast ausschließlich damit beschäftigt, zu überprüfen, ob die Rezepte ordnungsgemäß und die Dokumentation lückenlos sei, so der Allgemeinarzt aus Stuttgart.

Die Helferin müsse auch den Kontakt mit den Apothekern aufrechterhalten und darauf achten, daß Urlaubsmeldungen der Substitutionspatienten tatsächlich ans Regierungspräsidium weitergereicht werden. Ansonsten könne den Medizinern ein Verstoß gegen die Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BTVV) vorgeworfen werden.

Kontrolliert, ob alles ordnungsgemäß abläuft, werden die Mediziner unter anderen stichprobenartig von der KV, die dazu per Gesetz verpflichtet ist. "Doch dieser bürokratische Aufwand ist noch irgendwie zu handhaben, wirklich problematisch für viele Suchtmediziner in Baden-Württemberg ist es jedoch, für den Patienten einen Platz für die psychosoziale Betreuung zu organisieren, der bei jeder Substitutionsbehandlung vorgeschrieben ist", berichtet die Allgemeinmedizinerin Dr. Gisela Dahl aus Stuttgart.

Und weiter: "Laut BTMVV macht sich ein Arzt strafbar, wenn er die Ersatzdroge ohne eine begleitende psychosoziale Betreuung verabreicht." Drei bis vier Stunden müsse ein Arzt im Durchschnitt telefonieren, um einen Betreuungsplatz zu ergattern. "Es ist Idealismus, der uns trotz aller Bedenken dazu bringt, die Substitutionstherapie anzubieten", so die Stuttgarter Ärztin.

Tag für Tag müssen die Drogenabhängigen in den Praxen erscheinen, um dort ihre Ersatzdroge zu erhalten. Für die Verabreichung des Mittels erhält der Arzt 95 Punkte pro Tag. Bei dem derzeitigen Punktwert von 4,8 Cent bei der AOK, LKK, IKK in Baden-Württemberg (erstes Quartal 2005) sind das 4,56 Euro.

Bei der Vergabe an Samstagen, Sonn- und Feiertagen erhalte der Arzt zusätzlich 200 Punkte also 9,60 Euro. Nach Angaben der KV könnten zudem innerhalb eines Quartals bis zu vier Beratungsgespräche mit mindestens zehn Minuten Dauer abgehalten werden. Dafür erhält der Arzt 280 Punkte oder 13,44 Euro.

Im Gegenzug, um an diese Patienten die Ersatzdroge aushändigen zu dürfen, müssen die Mediziner zuvor die suchtmedizinische Fachkunde erlangt haben. "Der Arzt investiert etwa 50 Stunden Weiterbildung und 1500 Euro", berichtet Dahl, Suchtbeauftragte der Landesärztekammer und KV.

Nach Ansicht der Stuttgarter Allgemeinmedizinerin muß die Gesellschaft sich grundsätzlich fragen, ob sie Suchtkranken mit der Substitutionstherapie helfen will oder nicht. Entsprechend müsse gehandelt werden. Besonders zusätzliche psychosoziale Betreuungsplätze seien dringend erforderlich.

Christian F. jedenfalls ist hoffnungsvoll. "Ich bin froh, daß ich den Doktor habe. Ohne den würde ich das nicht packen", ist sich der junge Mann ganz sicher.

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