Ärzte Zeitung, 10.11.2006

HINTERGRUND

Bei Suchtmedizinern und ihren Patienten wächst der Frust - die Zukunft des Heroin-Projekts ist ungewiß

Von Marion Lisson

Ein Mitarbeiter des Modellprojekts legt ein Spritzbesteck in eine Durchreiche. Foto: dpa

Ende des Jahres läuft das bundesweite Modell zur kontrollierten Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige aus. Wie es dann in den sieben Einrichtungen in Bonn, Hamburg, Hannover, Frankfurt, Karlsruhe, Köln und München weitergehen wird - das wissen zur Zeit weder die behandelnden Ärzte noch die Patienten. Der Frust ist dort entsprechend groß.

Nicht nur Herbert Berger vom Kölner Gesundheitsamt spricht dabei von einer "unhaltbaren Situation". "Die Patienten fragen täglich nach - die Stimmung bei ihnen sinkt, die Ungewißheit ist natürlich für alle schwer zu ertragen", berichtet Dr. Sabine Tanger, die leitende Ärztin des Projektes in Karlsruhe. Das Problem: Politiker von CDU und CSU sind sich nicht einig, ob das seit 2002 laufende Modellprojekt trotz seiner Erfolge fortgesetzt werden soll oder nicht.

Baden-Württemberg und Bayern sind gegen Fortsetzung

Bayern und Baden-Württemberg haben sich gegen die kontrollierte Abgabe von Heroin ausgesprochen. Das CDU-geführte Hamburg und Hessen befürworten dagegen eine Fortsetzung des Therapieangebotes für Schwerstabhängige. "Es geht nicht um Heroin auf Krankenschein oder um Heroin für alle, sondern um eine allerletzte Überlebenshilfe für ganz wenige Menschen", so die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD). Sie hat die Unions-Fraktion dazu aufgerufen, sich dem Vorhaben nicht länger zu verweigern.

Doch weder eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes noch der Verschreibungsverordnung wurde von der Bundesregierung bislang auf den Weg gebracht. Selbst wenn eine Zulassung von Heroin als Arzneimittel angestrebt werden sollte, dürften bis dahin noch Monate vergehen.

Über 1000 Schwerstabhängige sind seit über vier Jahren an dem Projekt beteiligt. Nicht alle Opiatabhängigen konnten erwartungsgemäß für eine Therapie erreicht werden, berichtet Dr. Justina Engelbrecht von der Bundesärztekammer (BÄK). Nach erfolglosen Behandlungsversuchen seien diese Süchtigen wieder in die Szene zurückgekehrt.

Und dennoch hält Engelbrecht an dem Projekt fest: "Die Bundesärztekammer sieht sich durch die vorliegenden Studienergebnisse in der Erwartung bestätigt, daß Diacetylmorphin unter strengen Vergabebedingungen für einen begrenzten Kreis schwerstkranker Opiatabhängiger eine zusätzliche Therapieoption darstellen kann."

Seit dem Frühjahr 2006 liegen die Ergebnisse der Zulassungsstudie vor, die das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg im März 2002 begonnen hat. Die BÄK habe sowohl an der Erstellung des Studiendesigns mitgewirkt als auch den Studienverlauf begleitet, so Engelbrecht.

Die Ergebnisse wurden inzwischen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) positiv bewertet. Es zeigte sich, daß es jenen der 1032 Probanden, die bis zu dreimal am Tag ihre Ration in Empfang nehmen und sich das Opiat spritzen, besser geht als den Mitgliedern der Kontrollgruppe. 57 Prozent der mit Heroin Versorgten fühlten sich besser und nahmen weniger zusätzliche Drogen. In der Methadongruppe waren es vergleichsweise nur 45 Prozent. Diese ersten Studienergebnisse decken sich mit Erfahrungen der Suchtmediziner vor Ort.

"Mein Plädoyer nach vier Jahren kontrollierte Abgabe von Heroin ist eindeutig: Für eine spezielle und sicherlich nicht große Gruppe von Schwerstabhängigen ist sie lebensrettend", faßt Dr. Sabine Tanger, leitende Ärztin der AWO-Ambulanz in Karlsruhe zusammen. 13 Abhängige betreut sie zur Zeit. Es ist bundesweit die kleinste Einrichtung.

Viele Patienten hätten bereits in eine abstinenzorientierte Behandlung gewechselt. Daß dieses Therapieangebot sehr aufwendig und somit auch teuer ist, ist Tanger bewußt. "Die Patienten müssen zwei- bis dreimal am Tag zu uns kommen und können sich dann unter Aufsicht das Heroin spritzen", erzählt sie. Drei Mitarbeiter der Ambulanz - darunter ein Arzt für den Notfall - müßten entsprechend der Vorgaben zu dem Modellprojekt dabei anwesend sein. "Die Kosten der Mitarbeiter treiben den Preis für diese Therapie hoch", so Tanger.

Die Abgabe von Heroin sei entsprechend auch deutlich teuerer als beispielsweise die Vergabe von Methadon. Dort müssen die Süchtigen in der Regel einmal am Tag in der Praxis erscheinen. Gerade diese engmaschige Betreuung trage vermutlich zu einem nicht unerheblichen Anteil an den Behandlungserfolgen bei, vermutet Engelbrecht.

Verbesserungen gibt es auch bei der Methadon-Substitution

Die BÄK räumt in diesem Zusammenhang aber ein, daß auch bei der Methadon-Substitution durch die psychosoziale Begleitung deutliche Behandlungsverbesserungen zu erwarten sind. "Hier kann bereits eine mangelnde Compliance und weitere Verelendung abgewendet werden", so die BÄK-Mitarbeiterin. Entscheide man sich für die Gabe von Diacetylmorphin an Schwerstabhängige, so sollten nur solche Patienten einbezogen werden, bei denen außer einem vorherigen Abstinenzversuch auch eine gescheiterte Methadonbehandlung vorliegt.

Ob und wie es im nächsten Jahr weitergehen wird - Suchtmediziner wie Dr. Sabine Tanger aus Karlsruhe wollen es bald wissen. Ohne gesetzliche Grundlage ist es für Ärzte jedenfalls unzulässig, Heroin zu verschreiben - es sei denn, das BfArM stellt eine Sondergenehmigung aus. Voraussetzung dafür ist, daß es entweder eine Folgestudie gibt oder daß die Behandlung im öffentlichen Interesse ist.

Um eine Versorgung der Schwerstabhängigen ab Januar 2007 auf diesem Wege doch noch zu ermöglichen, hat Hamburg eine solche Genehmigung beantragt. Hamburg, Hannover, Frankfurt und Karlsruhe haben für den Fall, daß die Genehmigung erteilt wird, bereits Überbrückungsgeld für die Ambulanzen in Aussicht gestellt. In Karlruhe sagte Rainer Blobel, der Leiter der Drogenberatungsstelle, daß die Stadt die Heroin-Therapie zur Not ein weiteres Jahr lang bezahlen könne.

STICHWORT

Heroin-Studie

1015 Schwerstabhängige aus Hamburg, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, Karlsruhe und München sind in die Methadon- (n=500) oder die Heroin-Gruppe (n=515) randomisiert aufgenommen worden. Sie mußten mindestens 23 Jahre alt und seit wenigstens fünf Jahren opiatabhängig sein.

Einschlußkriterien waren auch schlechte körperliche und mentale Verfassung sowie abgebrochene Versuche mit anderen Therapien. Die Teilnehmer waren zu Beginn im Durchschnitt 36 Jahre alt. 80 Prozent der Teilnehmer sind männlich. Heroin und Methadon wurden individuell dosiert (maximal ein Gramm Heroin pro Tag) und bis zu dreimal täglich angeboten. Die Teilnehmer konnten die Studie jederzeit abbrechen, Teilnehmer der Methadongruppe nach einem Jahr in die Heroingruppe wechseln. Allen wurde psychosoziale Unterstützung angeboten.

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