Ärzte Zeitung, 19.04.2007

"Ich wollte wissen, was so geil an dem Zeug ist"

Der Ex-Junkie Wolfgang Kiehl erzählt Schülern seine Geschichte / Anschauungsunterricht aus erster Hand

LÜBECK. Alkohol, Speed, Heroin: Wolfgang Kiehl hat viele Drogen ausprobiert. Er wurde süchtig und kriminell. Heute schildert Kiehl im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) seine Erlebnisse vor Schülern in Norddeutschland.

Von Dirk Schnack

Zwei Doppelstunden sind vorbei, doch auch die Pausenklingel lockt keinen der 40 Neuntklässler aus dem Raum. Vor ihnen steht ein Mann, der mehr erlebt hat als sie alle zusammen. Wolfgang Kiehl ist ein Ex-Knacki und ein Ex-Junkie, aber bei diesem Mann haben die Lübecker Realschüler vielleicht gerade mehr gelernt als in einer ganzen Schulwoche.

Als Teenager ist Kiehl Leistungssportler

Er macht nichts anderes, als aus seinem Leben zu erzählen. Den Teenagern wird schnell deutlich, dass Kiehl nicht anders aufgewachsen ist als viele von ihnen selbst. Ein behütetes Elternhaus mit alltäglichen Problemen. Nur Anerkennung und Gespräche kommen zu kurz. Als Teenager ist Kiehl Leistungssportler, könnte im Sprint ganz nach oben kommen. Aber die Kumpel beim Sport sind ihm zu brav, die Surferclique hält er für cool. Bei ihnen kommt er erstmals mit Drogen in Berührung, probiert alles aus, was in der Clique herumgereicht wird.

"Ich hätte sagen müssen: Das ist nicht mein Ding. Aber ich hatte nicht den Mut, ich wollte dazu gehören", schildert Kiehl seine Beweggründe. Noch aber hat er das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Eine Klempnerlehre schafft er noch, auch seine Zeit bei der Bundeswehr übersteht er. Zurück in Hannover entdeckt er, dass seine alte Clique inzwischen viel mehr ausprobiert hat - einige von ihnen sind auf Heroin. Wolfgang Kiehl will dazugehören. "Ich wollte wissen, was so geil an dem Zeug ist. Und ein Mal macht ja nicht süchtig", waren seine Ausreden.

Es folgen sechs Jahre, in denen er Heroin raucht, durch die Nase zieht und spritzt. Er braucht immer mehr Stoff, pumpt Familie und Freunde an, verkauft alles, was sich zu Geld machen lässt und wird schließlich zum Dieb. "Elektrogeschäfte, Baumärkte, ich hab ganz Niedersachsen unsicher gemacht." Erwischt wurde er nie. Sein Tagesablauf damals: Von fünf Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags schlafen, dann Heroin nehmen, auf Diebestour gehen zum Hehler, zum Dealer, Rauschgift nehmen.

Er beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn das Heroin nicht sofort verfügbar ist: "Nach dem Aufstehen kommen schnell Kopfschmerzen, dann läuft einem Wasser aus dem Körper, dann kommen Magenkrämpfe und man kann nur noch gebückt zum Dealer schleichen." Kiehl schildert, wie kaputt manche seiner Kollegen zum Dealer wanken, sich erniedrigen und wie man unter Heroin jegliche Emotion verliert: "Heroin ist der absolute Gefühlskiller. Man spürt keinen seelischen und keinen körperlichen Schmerz mehr."

Im Gefängnis droht der Entzug

Ins Gefängnis kommt er schließlich, weil er keine Rechnungen mehr bezahlt hat. Dort erlebt er erstmals, was es heißt, auf Entzug zu sein. "Drei Tage lang steigen die Schmerzen unaufhaltsam an." Eine erste Therapie bricht Kiehl ab: "Ich stand nicht zu meinen Schwächen." Er erlebt aber auch, dass es anderen noch schlechter geht: "Wer sich das Geld für Rauschgift mit Prostitution verdient hat, ist traumatisiert. Solche Menschen brauchen noch Jahre lang psychologische Unterstützung, um die Erlebnisse verarbeiten zu können."

Im zweiten Anlauf schafft er den Absprung

Die Bedingungen, unter denen er seine zweite Untersuchungshaft absolviert, erzeugt unter manchen Schülern ungläubiges Staunen. Doch der Ekel über Gestank, Enge und Tristesse in der Haftanstalt sorgt dafür, dass Kiehl erneut eine Therapie versucht. Er schafft es im zweiten Anlauf clean zu bleiben.

Kiehl hat Glück, kann sein Abitur nachmachen, beginnt sogar mit einem Sozialpädagogikstudium und macht sich mit dem "Suchtmobil" selbständig. Heute hat er eine Familie mit drei Kindern.

STICHWORT

Suchtmobil e.V.

Wolfgang Kiehl schildert seine Erlebnisse vor Sonderschülern genauso wie vor Medizinstudenten. In den vergangenen Monaten hat er über 6000 Schüler in Norddeutschland erreicht. In diesem Jahr sind Vorträge an 60 Schulen geplant.

Die von der TK unterstützte Schülerberatung ist nur ein Standbein von Suchtmobil e.V. Kiehl tritt auch in Fußballstadien auf oder auf Großveranstaltungen, in denen über verschiedene Formen von Sucht aufgeklärt wird. Zu den Sponsoren Kiehls zählen unter anderem die Lottogesellschaft, der Fußballverein Hannover 96 und verschiedene Firmen. (di)

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