Ärzte Zeitung, 07.09.2007

"Man muss im größten Dreck stecken und da wirklich rauswollen"

Ein Buch über Suchtkranke schildert Schicksale und zeigt Wege aus der Abhängigkeit

FRANKFURT/MAIN (Smi). Rolf S. ist Alkoholiker. Eine Flasche Wodka am Tag war für den Gynäkologen die Regel. Davor rauchte er 40, 50 Zigaretten pro Tag - bis zu seinem Herzinfarkt vor 24 Jahren. Danach war zwar mit diesem Laster Schluss. Dafür genoss er abends ein Gläschen Whisky. Daraus wurde dann tagsüber eine ganze Flasche Wodka. Wodka riecht weniger. Meinte er. Doch vielen Patientinnen blieb seine Fahne nicht verborgen, sie suchten sich einen anderen Arzt.

Alkoholsucht: Mit einem Gläschen am Abend fängt es oft an und endet dann bei einer Flasche pro Tag. Foto: imago

Rolf S. störte das nicht, er trank weiter. Obwohl auch sein Körper längst Alarmsignale sendete. Mit Ende 40 wurden ihm fünf Bypässe gelegt. Familie und Freunde versuchten, ihn vergeblich vom Trinken abzuhalten. Bis ihm seine Frau die Pistole auf die Brust setzte: Sie oder der Alkohol. Der niedergelassene Gynäkologe entschied sich für Frau und Kinder.

Jetzt, mit 64, ist Rolf S. seit fünfeinhalb Jahren trocken. Vor seinen Patientinnen gibt er offen zu, was einmal mit ihm war. Sie honorieren das, indem sie ihm die Treue halten. Manchen konnte der Arzt sogar helfen, die eigene Sucht zu überwinden.

13 Lebenswege wie den des Arztes Rolf S. hat die Frankfurter Autorin Brigitte Roth in ihrem Buch "Jeder kriegt die Kurve anders" gesammelt. Das Besondere: All ihre Berichte über Süchtige - darunter Heroin- und Kokain-Abhängige, Alkoholiker und Kettenraucher - enden versöhnlich, weil die Protagonisten nach Jahren der Selbstzerstörung und Selbstverleugnung den Ausstieg geschafft haben. Ihre Erfolgsgeschichten sollen Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen. Roths Botschaft: Es gibt Wege aus der Abhängigkeit und ein Leben danach.

"Sucht setzt sich in der Tiefe der Seele fest", sagt die Autorin. "Deshalb ist es auch so schwer, sich aus einer Abhängigkeit zu befreien." Doch für einen Ausstieg sei es nie zu spät. Selbst Roland R., der 21 Jahre an der Nadel hing und 35 Entgiftungsversuche unternahm, hat es am Ende geschafft. Er führt - abgesehen von seiner chronischen Hepatitis C - ein halbwegs normales Leben.

1,6 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, fast 17 Millionen greifen täglich zur Zigarette, etwa 1,5 Millionen missbrauchen Arzneimittel, 300 000 Bundesbürger schnupfen regelmäßig Kokain, und 500 000 konsumieren Partydrogen wie Ecstasy, hat die Autorin recherchiert. In einem Interview mit Roth nennt Dr. Wilfried Köhler, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen des Frankfurter Bürgerhospitals einige Ursachen für das zunehmende Suchtverhalten in Industriestaaten. Dazu gehörten etwa ein von vielen Menschen erlebter Sinnverlust sowie Faktoren wie der gewachsene Wohlstand, der Suchtmittel immer billiger mache, und die wachsende Lebenserwartung, die dazu beitrage, dass ein riskantes Konsumverhalten bei immer mehr Menschen in einer Sucht ende.

"Man muss im größten Dreck stecken und da wirklich raus wollen", glaubt der trockene Alkoholiker Rolf S. "Wer das nicht selbst will, dem kann auch niemand helfen." Der Gynäkologe, der die Extreme liebt, steuert hingegen nach wie vor Kneipen an und hortet Cognac, Grappa, Wein und Calvados. Allerdings ohne je einen Tropfen Alkohol anzurühren. Warum er das macht? "Ich muss mir beweisen, dass ich das kann", sagt er.

Brigitte Roth: Jeder kriegt die Kurve anders. Lebenswege von Süchtigen mit Happy End, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2007, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-10 3800072270.

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