Ärzte Zeitung, 17.01.2008

HINTERGRUND

Alkohol ist das schlimmste Gift für Ungeborene: Für geschädigte Kinder gibt es kaum Therapien

Von Helga Brettschneider

"Die größte Gefahr für die Entwicklung eines ungeborenen Babys liegt heute weder in Medikamenten noch Drogen oder Umweltgiften, sondern im Alkoholkonsum der Mutter." Das betont die Stiftung Kindergesundheit aus München. Nach ihren Angaben kommen in Deutschland pro Jahr etwa 2200 Kinder alkoholgeschädigt zur Welt und damit mehr als doppelt so viele wie Kinder mit Down-Syndrom. Die Stiftung appelliert an Ärzte, Schwangere noch stärker als bisher zu motivieren, auf Alkohol zu verzichten. Denn schon kleinste Mengen Alkohol können Ungeborenen schaden.

 Alkohol ist das schlimmste Gift für Ungeborene: Für geschädigte Kinder gibt es kaum Therapien

Trinken Schwangere Alkohol, riskieren sie Hirnschäden beim Kind.

Foto: Bilderbox

Den Effekt von geringen Alkoholmengen haben britische Forscher aus Bristol in einer Studie mit über 9000 jungen Müttern und ihren Kindern untersucht. 44 Prozent der Mütter tranken während der Schwangerschaft gar keinen Alkohol, 40 Prozent weniger als ein Glas und 16 Prozent mehr als ein Glas pro Woche. Die im Alter von vier, sieben und neun Jahren nachuntersuchten Kinder wurden auf Verhaltensauffälligkeiten geprüft. Das überraschende Ergebnis: Vor allem viele Mädchen unter den untersuchten Kindern hatten schon bei einem Glas Bier oder Wein in der Woche zwar leichte aber anhaltend negative Folgen in ihrer Entwicklung.

Die meisten Betroffenen sind äußerlich unauffällig

Schwere Schädigungen werden als fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet. Sichtbare Kennzeichen gibt es dabei eher selten, etwa bei Kindern chronisch alkoholkranker Frauen. Dazu gehören Minderwuchs, Untergewicht, abgeflachtes Mittelgesicht mit kurzem, breitem Nasenrücken und großer Augenabstand. Trinken werdende Mütter nur relativ kleine Mengen Alkohol, sind ihre Kinder körperlich oft nicht auffällig. Trotzdem können sie hirnorganische Schäden haben, wie Dr. Reinhold Feldmann von der Uniklinik Münster zur "Ärzte Zeitung" gesagt hat. Der Psychologe und Psychotherapeut hat schon über 800 Kinder mit FAS in Deutschland betreut. FAS-Kinder haben zum Beispiel Probleme mit Gedächtnis, Konzentration und Verhalten. In einer Stichprobe hatten sie einen mittleren Intelligenz-Quotienten von 75 Punkten (Normal sind 85 bis 115).

"Die Kinder verstehen oft ab-strakte Dinge nicht", sagt Feldmann. Das schlechte Gedächtnis macht die Schule zum Kraftakt. So besuchte von 135 Kindern jedes zweite die Förderschule, kein einziges machte Abitur. Wissen aufeinander aufzubauen fällt ihnen besonders schwer. Wenn sie Neues lernen, überlagert es das zuvor Gelernte - es verschwindet einfach. Die Merkfähigkeit kann von Tag zu Tag extrem variieren. Eltern und Lehrer fühlen sich daher oft gefoppt, wenn ein Kind eine Aufgabe nicht lösen kann, die es gestern noch beherrscht hat. Betroffene können zudem oft Regeln nicht einhalten, weil sie sie immer wieder vergessen. "Es gibt Kinder mit FAS, die morgens ins Bad gehen und ratlos ihre Eltern fragen: Was soll ich hier tun?", berichtet Feldmann.

Andere verirren sich auf dem gewohnten Schulweg. Emotionale Auffälligkeiten und Verhaltensprobleme belasten die Familien - oft sind es Pflegefamilien - schwer. So entwickeln die Kinder kein Gefahrenbewusstsein und sind im Straßenverkehr gefährdet. Riskant ist auch das fehlende Misstrauen Fremden gegenüber. Die meisten FAS-Kinder sind zudem sehr aktiv, unruhig, leicht ablenkbar und stören oft den Unterricht. Häufigste Fehldiagnose ist deshalb Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Kinder mit ADHS können aber im Gegensatz zu FAS-Kindern Lernen und Konzentration trainieren. Zudem verstehen ADHS-Kinder soziale Situationen. FAS-Kindern dagegen fällt es enorm schwer, zu erkennen, ob ihr Gegenüber traurig ist und ob das an ihnen liegt.

Die Kinder sind naiv und arglos und werden oft ausgenutzt

Dabei sind FAS-Kinder meist hilfsbereit, freundlich, naiv und verleitbar. Sie verstehen nicht, wenn sie ausgenutzt werden, sagt Feldmann: "Wenn andere Kinder einem FAS-Kind sagen ,Wenn du unser Freund sein willst, musst du für uns Zigaretten klauen‘, dann macht es das. Ohne zu erkennen, dass es das nicht darf." Die naive Freundlichkeit erhöht später auch die Gefahr, missbraucht zu werden: Von 60 FAS-Patienten bis zum Alter von 25 Jahren waren in einer Studie 70 Prozent bereits vergewaltigt oder sexuell ausgebeutet worden.

Die Möglichkeiten der Therapie sind begrenzt: Einige Kinder profitieren von Ergotherapie oder Logopädie. ADHS-Präparate wie Methylphenidat können bei hochaktiven Kindern die Konzentration bessern, aber nicht normalisieren. FAS-Kinder müssen daher umfassend betreut werden. Bei Erwachsenen kann eine vollstationäre Einrichtung und die Arbeit in einer betreuten Werkstätte sinnvoll sein. Denn selbst die Körperpflege muss oft angeleitet werden. "Im Wesentlichen", sagt Feldmann, "müssen die Patienten geschützt werden: vor sich selbst, ihrer Naivität und vor anderen, die das ausnutzen."

Hilfe für betroffene Familien

Familien, die ein Kind mit FAS betreuen, können an folgende Adressen weitervermittelt werden:

  • Dr. Reinhold Feldmann, Sozialpädiatrisches Zentrum, Uniklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Albert-Schweitzer-Str. 33, 48149 Münster, Tel.: 0251 / 83 -485 18, Fax: -495 94, E-Mail: feldrei@uni-muenster.de
  • Ev. Verein Sonnenhof e.V., Beratungsstelle für alkohol- geschädigte Kinder, Neuendorfer Straße 60, 13585 Berlin, Tel.: 030/33 505-273, Fax -562, E-Mail: fasd-beratung@hotmail.de
  • Im Internet: www.fasworld.de www.faskinder.de, www.fasd-beratung.de, www.nacoa.de

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