Ärzte Zeitung online, 30.05.2008

WHO attackiert Tabakkonzerne

GENF/BERLIN (dpa). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum Weltnichtrauchertag die Tabakkonzerne scharf angegriffen. "Die Tabakindustrie verwendet raubtierartige Marketing-Strategien, um junge Menschen süchtig nach ihrer Droge zu machen", attackierte der Direktor der WHO-Initiative gegen Tabak, Douglas Bettcher, die Branche am Freitag in Genf.

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan kritisierte, die Zigarettenindustrie spinne ein "komplexes Tabak-Marketing-Netz, das Millionen junger Menschen weltweit umgarnt", um sterbende oder ihrer Sucht entsagende Raucher durch neue, junge Konsumenten zu ersetzen. Die meisten Raucher erlebten ihren Einstieg in die Nikotinsucht schon vor dem 18. Lebensjahr, fast ein Viertel sogar bereits unter zehn Jahren.

Die oberste Gesundheitsschützerin der Vereinten Nationen bekräftigte die WHO-Forderung nach einem umfassenden Werbeverbot für Tabakprodukte. "Ein Verbot sämtlicher Tabakwerbung, der Promotion und des Sponsorings ist ein kraftvolles Instrument, mit dem wir die Jugend der Welt schützen können", betonte Chan aus Anlass des Weltnichtrauchertages am Samstag.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dietrich Hoppe, verlangte, Zigarettenwerbung aus dem Straßenbild, aus Kinos und Zeitschriften zu verbannen, um Kinder und Jugendliche gar nicht erst zu verführen.

Umfassende Werbeverbote würden den Tabakkonsum nach Erfahrungen in verschiedenen Ländern um bis zu 16 Prozent drücken, ergänzte Bettcher. "Halbherzige Maßnahmen reichen jedoch nicht." Wenn eine Form der Werbung verboten werde, konzentriere sich die Tabakindustrie auf eine andere Form. Vor allem in den Entwicklungsländern, wo 80 Prozent der Jugendlichen weltweit lebten, würden die Zigarettenfirmen aggressiv junge Menschen umwerben, insbesondere Mädchen.

Die deutsche Bundesregierung zog unterdessen eine positive Bilanz der Kampagne "Rauchfrei 2008". Rund 27 200 Raucher hätten zum Start vor einem Monat zeitgleich aufgehört, berichtete die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) in Berlin.

Die Präventionsexpertin des Deutschen Krebsforschungszentrums, Martina Pötschke-Langer, sagte, angesichts von noch knapp 20 Millionen Rauchern in Deutschland seien weitere Kampagnen nötig. "Es geht darum, die Lebenserwartung in der Bevölkerung zu erhöhen." Raucher lebten im Schnitt 7 bis 10 Jahre kürzer. Die WHO spricht sogar von einer um 10 bis 15 Jahre verkürzten Lebenserwartung im weltweiten Mittel.

Mit der vom Bund unterstützten Aktion animierten das Krebsforschungszentrum und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Menschen unter anderem via Internet zum Aufhören und gaben weitere Ratschläge und Hilfen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sagte, insgesamt hätten in den offiziellen Wettbewerben der vergangenen Jahre mehr als 270 000 Raucher versucht, von der Sucht loszukommen. Rund 30 Prozent von ihnen ließen auch nach einem Jahr noch ihre Finger vom Tabak, sagte Bätzing.

Die Drogenbeauftragte zeigte sich zuversichtlich über die Wirkung der jüngsten Rauchverbote in der Gastronomie. Nach Inkrafttreten hätten 15 Prozent der Raucher aufgehört und 16 Prozent ihr Rauchen eingeschränkt, sagte sie unter Berufung auf eine Forsa-Umfrage. Die Gastronomie habe im ersten Quartal eine positive Umsatzentwicklung verzeichnet. Der Ärzteverband Marburger Bund forderte einen bundeseinheitlichen Nichtraucherschutz. "Gesundheitsschutz muss sich am Menschen und nicht an Landesgrenzen orientieren", sagte der Vorsitzende Rudolf Henke.

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