Ärzte Zeitung online, 29.01.2009

Saufen bis zum Umfallen - auch junge Mädchen sind immer öfter betrunken

BERLIN (dpa). Saufen bis zum Umfallen ist bei vielen Jugendlichen weiter cool. Und auch junge Mädchen greifen immer öfter zur Flasche (wie bereits berichtet). Zumindest bis zum Jahr 2007 haben alle Appelle zum Maßhalten wenig genützt. Der seit Jahren ungebrochene Anstieg bei den schlimmen Fällen mit einer Ausnüchterung erst im Krankenhaus setzte sich fort. 23 165 junge Leute zwischen zehn und 20 Jahren landeten volltrunken in der Klinik - im Schnitt mehr als 63 pro Tag.

Das "Koma-Saufen" macht vor Gruppengrenzen nicht Halt. Ob Tequila bis zum Exzess bei einer Party gekippt wird oder Bier und Mixgetränke hemmungslos im Park getrunken werden - Kinder aus ärmeren Familien sind ebenso dabei wie Töchter und Söhne wohlhabender Haushalte. Zusammenbrüche wie jener einer 15-jährigen Berlinerin schrecken die Gesellschaft immer wieder auf. Mit einem Alkoholpegel von 4,1 Promille kam sie in einer Nacht im März zuerst auf die Intensivstation, dann in die Kinderabteilung.

Die Sorge bei Gesundheitsexperten ist groß, dass der Schlingerkurs bei Härtefällen nicht auf einen Abend beschränkt bleibt. Tausende von Jugendlichen verbauen sich so ihre Zukunft, denn Kids trinken sich nach Erkenntnissen von Entwicklungsforschern stärker um ihre Hirnzellen als Erwachsene. Der Mannheimer Suchtmediziner Karl Mann warnt: "Sie verlieren den Anschluss an die Wirklichkeit, bekommen Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz."

Die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) schlägt Alarm, dass sich erstmals mehr junge Mädchen als Jungs so betranken, dass der Rettungswagen kommen musste. 1942 Mädchen waren es bei den Zehn- bis 15-Jährigen und 1837 Jungen. Insgesamt 26 Prozent der Jugendliche tranken 2007 laut Umfragen mindestens ein Mal im Monat hemmungslos Alkohol. In Nordrhein-Westfalen wurden in einem Jahr 5267 Zehn- bis 20-Jährige mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht (statistisch gesehen 0,26 Prozent), in Baden-Württemberg 3462 (0,28) und in Bayern 4487 (0,32).

Längst sind Behörden und Politiker aufgeschreckt. Die Polizei hat 1,5 Millionen Bierdeckel mit Warnbildern bedruckt. Bätzing macht sich für Testkäufe stark, bei denen Minderjährige unter Behördenaufsicht illegalen Schnapsverkauf aufdecken sollen. Die Länder sollen zu dieser Methode greifen. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) war mit einem entsprechenden Vorstoß schon mal ausgebremst worden, weil Testkäufe als "Spitzelmethode" galten.

Keine Rücksicht möchte Bätzing mehr sehen bei Werbung, die gezielt Jugendliche anspricht. "Verstöße müssen hart sanktioniert werden", verlangt sie. Doch Expertenforderungen nach einem noch härteren Kurs inklusive Verboten riefen Protesten von Wirtschaft und Handel hervor. Aufklärung, Schulungen bei Handel und Gastronomie, Selbstkontrolle - das vor allem beschreibt Bätzings Zielrichtung. Allerdings hat sich selbst Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) zuletzt offen für ein schärferes Vorgehen gegen das "Koma-Saufen" zumindest in Einzelbereichen gezeigt. "Dort, wo Maß und Mitte verloren gegangen sind, müssen wir notfalls gesetzliche Leitplanken einziehen", sagte er zum Flatrate-Trinken mit Alkohol ohne Ende für einen Einheitspreis.

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