Ärzte Zeitung online, 09.02.2009

Äthiopiens beliebteste Droge: "Khat" zwischen Profit und Kritik

HARAR (dpa). Mit rasender Geschwindigkeit rauschen Dutzende Lastwagen durch den Osten Äthiopiens, vorbei an Schirmakazien und Kamelherden. Ihr Ziel ist die Hauptstadt Addis Abeba. Sie haben es eilig, denn sie haben Khat geladen, die uralte Kaudroge des Staates am Horn von Afrika.

Die zarten Blättchen der Pflanze, die eine anregende und euphorische Wirkung haben, müssen frisch zu den Märkten gebracht werden - nur dann bringen sie Profit. Denn schon nach wenigen Stunden sind sie vertrocknet und somit wertlos.

"Ich kaue jeden Tag Khat, dann geht es mir immer gut", sagt Mulugeta, ein Taxifahrer aus der Stadt Harar. Sein Blick ist leer, während er sich immer neue Blätter in den Mund stopft. Khat ist heute mit einem Anteil von etwa 15 Prozent das zweitwichtigste Exportgut Äthiopiens nach Kaffee. In den vergangenen zehn Jahren sind viele Bauern auf den Anbau der immergrünen Sträucher umgestiegen, nachdem in den 1990er Jahren die Preise für Kaffee eingebrochen waren. Neben Äthiopien sind der Jemen und Somalia die Hauptkonsumländer der Droge.

In Amerika und Europa ist Khat verboten, nur in Großbritannien sind die Blätter legal. Während vor allem viele Männer der muslimischen Bevölkerung Äthiopiens auf die Droge schwören, warnen Kritiker vor negativen Auswirkungen auf die Arbeitsmoral und die Gesellschaft im allgemeinen. "Die meisten Männer hier haben wegen des dauernden Khat-Kauens überhaupt keine Lust zum Arbeiten", sagt Deregé, ein Lehrer aus dem Ort Babille, eine Autostunde östlich von Harar. "Die sitzen nur faul rum, während die Frauen die ganze schwere Arbeit verrichten."

In der Region Tigray im Norden Äthiopiens ist Khat bereits verboten. Nun denken auch Politiker in Addis Abeba über eine ähnliche Maßnahme nach, wie örtliche Zeitungen kürzlich berichteten. Daniel Tedros, ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt, unterstützt diese Pläne: "Noch zu den Zeiten von Kaiser Haile Selassie war Khat-Kauen nicht zulässig", sagt er. "Allerdings wusste jeder, an welchen Stellen die Droge dennoch verkauft wurde und vor allem die reichen Familien in Addis Abeba konsumierten Khat trotz des Verbots."

Heute kann sich fast jeder die berauschenden Blätter leisten. Zwei bis drei Dollar (1,50 bis 2,30 Euro) kostet eine große Plastiktüte voll Khat - das reicht aus, um eine Gruppe von fünf bis sechs Konsumenten den ganzen Tag zu versorgen. "In Addis Abeba gibt es mittlerweile an jeder Ecke Khat-Läden. Da hängen tausende junge Leute jeden Tag rum und tun nichts anderes, als sich den Kopf zuzudröhnen", klagt Tedros.

Die Droge regt den Kreislauf an und wirkt psychisch stimulierend. Khat wächst so schnell wie Unkraut und wird in allen Teilen des Landes angepflanzt - besonders rund um Harar. Denn vom nahe liegenden Flughafen in Dire Dawa werden die bitter schmeckenden Blätter jeden Morgen mit Ethiopian Airlines frisch nach Dschibuti geflogen. Eigentlich ein Riesengeschäft für Äthiopien, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt - würde es die Konsumenten nur nicht so lethargisch machen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »