Ärzte Zeitung online, 04.03.2009

Kontrollen gegen Alkohol-Verkauf oft ungenügend

BERLIN (dpa). Immer mehr Jugendliche in Deutschland saufen sich regelmäßig bewusstlos. An diesem Donnerstag wollen Verbände und die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) einen Plan für verstärkten Jugendschutz an Tankstellen vorstellen. Bislang bleibt die Durchsetzung des Schutzes der Minderjährigen vor Schnaps und Bier nach Ansicht von Suchtexperten vielerorts Stückwerk.

Zu billig, auch nachts zu leicht zu haben, zu stark beworben ist der Alkohol, moniert Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (wie vorab berichtet). Ob in Discos, Kneipen, Supermärkten, Tankstellen oder Kiosken - vielfach kommen Minderjährige nach wie vor leicht an den riskanten Stoff heran. Die Verantwortung von Schule, Eltern und Gesellschaft insgesamt gegen Trinkerei bei Minderjährigen ist nicht alles: Auch die schnelle, auch nächtliche Verfügbarkeit von Alkohol verführt viele junge Gelegenheitstrinker. "Das kann man messen", sagt Gaßmann.

Mehr als 23 000 Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden zuletzt im Jahr mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt - so viele wie nie zuvor. Der Suff ist für viele normal. Risiken wie Entwicklungsstörungen, Krankheit, Abhängigkeit scheinen weit weg, wenn die Flasche mit Wodka und Limo vor der Disco zum "Vorglühen" in der Runde kreist.

Eine Übersicht über das Ausmaß illegalen Alkoholverkaufs an Jugendliche hat niemand. Zuständig sind die Kommunen. Existierende Zahlen geben den Experten Anlass zur Sorge. Eine Umfrage unter Kommunen in Nordrhein-Westfalen ergab vor eineinhalb Jahren, dass 70 Prozent die Einhaltung des Jugendschutzes nur bei Bedarf oder sporadisch kontrollieren. Eine 17-Jährige, die bei Hannover im Behördenauftrag nach Hochprozentigem fragte, bekam den Schnaps vor drei Wochen in allen acht von ihr angesteuerten Supermärkten, Tankstellen und Kiosken. Seit bei Testkäufen in vielen Städten Niedersachsens Alkohol bereitwillig über die Ladentheke geht, setzt Landesinnenminister Uwe Schünemann (CDU) auf landesweite Tests.

Personalknappheit setzt dem Jugendschutz oft Grenzen. In Berlin bot die Polizei an, gemeinsam mit Mitarbeitern der Bezirksämter wöchentlich Kneipen zu kontrollieren - so häufig sei das "unmöglich", hieß es von dort mehrfach. Doch geht die "Soko Suff" seither vermehrt auf Streife. Auch andere Städte wie etwa Tübingen setzen vermehrt auf Kontrollen und Bußgelder. In Baden-Württemberg soll im März zudem ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot für Tankstellen, Bahnhofskioske und Supermärkte verabschiedet werden. Zum Beispiel am Berliner Alexanderplatz, in der Studentenstadt Freiburg und in der Münchner U-Bahn versucht man es mit Trinkverboten an öffentlichen Plätzen.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund wehrt sich gegen die volle Wucht der Verantwortung. "Alle gesellschaftlichen Probleme kommen bei den Kommunen an - und wir sollen sie lösen", sagt Geschäftsführer Gerd Landsberg. Doch fordert er auch: "Wir müssen das stärker ausschöpfen, was wir tun können." Nachtverkaufsverbote, zumindest aber schärfere Kontrollen auch in Supermärkten und Tankstellen seien sinnvoll. Testkäufe sollten überall verstärkt werden. Suchtexperte Gaßmann meint, dass immer noch vielfach Gastronomie, Hersteller und Handel zu stark geschützt würden. "Wir müssen an die Umsätze ran, weil heute einfach zu viel Alkohol verkauft wird", fordert er.

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