Ärzte Zeitung online, 04.06.2009

Unter Stress gilt "Schema F"

BOCHUM (eb). Unter Stress spulen wir Gewohntes ab - egal ob es sinnvoll ist oder nicht. Zielgerichtetes Lernen hingegen wird durch Stress behindert. Das haben Bochumer Forscher in einer Studie herausgefunden.

Foto: Udo Kroener ©www.fotolia.de

Basierend auf früheren Arbeiten, die zeigten, dass Stress einen Einfluss darauf hat, welche Lernstrategie wir zur Aufgabenbearbeitung verwenden, vermuteten Bochumer Kognitionspsychologen um Dr. Lars Schwabe, dass Stress möglicherweise auch die Nutzung zielgerichteter und habitueller Prozesse beim Lernen reguliert.

Um diese Hypothese zu prüfen, teilten die Forscher freiwillige Versuchspersonen zunächst zufällig in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe musste zu Beginn eine Stresssituation durchstehen, die andere nicht. Das eigentliche Experiment bestand aus zwei Durchgängen: Im ersten Durchgang wurden die Probanden mit verschiedenen Formpaaren auf einem Monitor konfrontiert, die sie anklicken konnten.

Der Klick auf bestimmte Formen hatte mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die Gabe von kleinen Mengen Orangensaft oder Kakao zur Folge, den die Versuchspersonen, die vorher gefastet hatten, gerne haben wollten. Alternativ wurden Wasser oder Pfefferminztee verabreicht. Schnell hatten die Versuchspersonen sich gemerkt, welcher Klick wahrscheinlich Saft oder Kakao versprach.

Nach dieser ersten Phase durften die Versuchspersonen entweder so viele Orangen oder so viel Schokoladenpudding essen, wie sie wollten. "Auf diese Weise wurde die Lust der Probanden auf Orangensaft und Kakao reduziert, diese Getränke wurden sozusagen entwertet", erklärt Schwabe.

Im zweiten Testdurchgang wurden den Versuchspersonen erneut die aus der Lernphase bekannten Reizpaare präsentiert, erneut sollten sie sich jeweils für einen der beiden Reize entscheiden. Keiner hatte mehr Lust auf Kakao oder Orangensaft. Wer zielgerichtet gelernt hatte, musste also Klicks auf die Symbole vermeiden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eines dieser Getränke bedeuteten.

Nicht gestresste Probanden verhielten sich auch so. Die vor dem Lernen gestressten Probanden hingegen blieben beim einmal eingeschliffenen Verhaltensmuster: Sie machten auch weiterhin jeweils den Klick, der zum "entwerteten" Getränk führte - obwohl sie es, wie sie selbst angaben, nicht mehr mochten. "Ihr Verhalten war also offenbar gewohnheitsbasiert und vom Wert des Verhaltensergebnisses unabhängig", fasst Schwabe zusammen.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie deuten aus Sicht der Forscher auf mögliche Folgen von Stress in Lernumgebungen wie der Schule oder dem Arbeitsplatz hin. Zudem könnten sie zu einem besseren Verständnis der Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen oder Substanzabhängigkeiten beitragen. Diese sind maßgeblich durch festgefahrene, vom eigentlichen Ziel losgelöste Verhaltensgewohnheiten gekennzeichnet.

Zum Abstract der Originalpublikation "Stress Prompts Habit Behavior in Humans"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »