Ärzte Zeitung online, 02.07.2009

Suchtmediziner kehren von Verzicht als Ziel ab

MÜNCHEN (dpa). Nach Ansicht von Experten sollte die Therapie von Suchtpatienten nicht allein auf den völligen Verzicht von Drogen ausgerichtet sein. "Es ist wichtig zu begreifen, dass Menschen so schwer von einer Krankheit betroffen sein können, dass sie sogar lebenslang Medikamente brauchen", sagte Suchtmediziner Markus Backmund am Donnerstag bei einem Kongress in München.

Es sei ein falscher Gedanke, dass es Süchtigen automatisch besser geht, wenn sie abrupt völlig frei von Tabak, Alkohol oder Opiaten leben. Sinnvoller sei es häufig, Drogenabhängigen mit Ersatzmitteln zu helfen.

Die Suchtmediziner begrüßten einen Bundestagsbeschluss zur kontrollierten Ausgabe von Heroin. Im Mai war entschieden worden, dass Schwerstabhängige die Droge auf Rezept bekommen können (wir berichteten). "Das ist ein gesellschaftlicher Umbruch ersten Ranges", sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, Klaus Behrendt. "Für uns kommt es darauf an, für suchtkranke Menschen ein möglichst gesundes Überleben zu sichern." In Einzelfällen könne dies eben mit der kontrollierten Ausgabe von Heroin erreicht werden. Früher habe hingegen gegolten: "Wenn man völlig im Dreck liegt, dann muss man abstinent werden als oberstes Ziel."

Beim Thema Rauchen schätzen die Suchtmediziner die derzeitige Situation anders ein. Dank Kampagnen gegen Zigaretten fingen zwar viele Menschen gar nicht erst mit dem Rauchen an. Raucher, die bereits abhängig sind, würden aber in die Ecke gestellt. "Schwere Raucherinnen oder Raucher müssten eigentlich mit dem Ersatzstoff versorgt werden", forderte Behrendt. Bei der kontrollierten Abgabe von Nikotin gebe es in der Suchtmedizin noch Nachholbedarf.

Allerdings können auch Ersatzstoffe als Rauschmittel missbraucht werden, wie eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg zeigt. Die Befragung von 806 Heroinabhängigen in 13 Städten ergab, dass zwei Drittel der Süchtigen schon einmal nicht verschriebene Ersatzdrogen konsumiert haben. Insbesondere die Mittel Methadon und Subutex® seien auf dem Schwarzmarkt leicht zu haben. In Kombination mit anderen Substanzen wie Alkohol, Cannabis, Kokainpulver oder Crack könne dies lebensgefährlich sein, erläuterte einer der Autoren der Studie.

[10.07.2009, 10:07:51]
Dr. Roland Sautter 
heroin
die gesellschaft soll heroin auf rezept finanzieren?na dann! zum Beitrag »

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