Ärzte Zeitung online, 17.11.2009

Clinch in Kreuzberg: Fixerstube neben Spielplatz

BERLIN (dpa). Begeistert war Cem Özdemir nicht. Im Haus des Grünen-Vorsitzenden am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg sollte eine Fixerstube für Heroinabhängige eingerichtet werden. "Die Mehrheit meiner Nachbarn sagt: Hinter dem Haus ist ein Spielplatz und ein Kindergarten. Das ist nicht die beste Adresse für einen Druckraum", meinte Özdemir, der darauf achtete, sich nicht persönlich die Finger zu verbrennen.

Für einen drogenpolitisch liberalen Grünen-Politiker ist es ein sensibles Thema. Die Pläne wurden letztlich verworfen. Nun soll der Druckraum 700 Meter entfernt neben einem Spielplatz und in der Nähe von drei Grundschulen und 15 Kitas eingerichtet werden. Der Streit rüttelt an linken Grundüberzeugungen vieler Kreuzberger.

"Pass auf, dass dir am Kotti keine Spritze in den Arm fällt" - so lautet bisweilen ein Ratschlag für Neu-Berliner, die am U-Bahnhof Kottbusser Tor im links-alternativen Kreuzberg vorbei müssen. Rund 300 Junkies sollen hier auf der Suche nach Stoff und Schuss unterwegs sein. Da der Bezirk keinen Standort für einen neuen Raum fand, soll nun im bei Familien beliebten Reichenberger Kiez in einem städtischen Gebäude, der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule, eine der größten Fixerstuben Berlins entstehen. Bei der bisherigen Einrichtung am Kottbusser Tor, wo Heroinabhängige unter Aufsicht Drogen konsumieren konnten, war der Mietvertrag ausgelaufen.

Vor allem für die Grünen ist es ein Dilemma, schließlich gab es nicht nur die Diskussion mit Özdemir. Den neuen Plan verwirklichte der grüne Bezirksbürgermeister Franz Schulz. Bei der Bundestagswahl gewann Hans-Christian Ströbele hier erneut das einzige Direktmandat für die Grünen, nun sind viele Ströbele-Wähler sauer auf ihn und die grüne Bezirksverwaltung.

"Wenn der Widerstand zu groß ist, muss man überlegen, welche Alternativen gibt es", sagt Ströbele. "Aber ich setze mich dafür ein, dass es einen neuen Druckraum geben muss." Viele Menschen hier seien für eine solche Einrichtung, "aber es ist verständlich, dass sich Meinungen bisweilen ändern, wenn er vor der eigenen Haustür eingerichtet werden soll". Durch den Druckraum am "Kotti" hätten viel weniger Spritzen rund um den U-Bahnhof herumgelegen und die Szene hätte ein Stück weit von der Straße geholt werden können.

Der zuständige Bezirksstadtrat für Gesundheit, Knut Mildner-Spindler (Linke) betont, dass es auch Aufgabe der Politik sei, den Schwächsten der Schwachen zu helfen. "Aber ich kann die Sorgen verstehen." Es könne aber nicht sein, dass Mitarbeiter des Betreibers Fixpunkt beim Verteilen von Infozetteln im Reichenberger Kiez tätlich angegriffen würden. Die Atmosphäre sei aufgeheizt.

Eine Bürgerinitiative verweist mit Sachargumenten auf die Probleme, zudem sei die Fixerstube für die Abhängigen vom "Kotti" viel zu weit weg. "Wir glauben, dass (...) die negativen Auswirkungen in einem dicht besiedelten Wohngebiet wie dem Reichenberger Kiez immens sind", heißt es in einen Brief an den Bezirk und an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). "Wir haben hier bisher keine offene Heroin-Szene. Was passiert, wenn sich die Junkies außerhalb der Öffnungszeiten auf dem Spielplatz einen Schuss setzen?", fragt Initiativen-Mitglied Katja Schlesinger, Mutter von drei Kindern. In Städten wie Saarbrücken seien Druckräume zwölf Stunden offen, hier seien aber aufgrund klammer Kassen nur vier Stunden täglich geplant.

50 Meter entfernt vom künftigen Druckraum befindet sich die Niederlausitz-Grundschule. Schulleiter Manfred Holtz will den Streit versachlichen, sieht sich aber "zwischen Baum und Borke". "Als Hauptproblem für die Schule sehe ich, dass Eltern wegziehen oder ihr Kind woanders anmelden." Viele Eltern hätten Angst, andere sehen es hingegen entspannt. "Die Polizei wird das sicher genau im Blick haben. Ich glaube nicht, dass sich die offene Drogenszene hierhin verlagert." Für den Fall, dass nach der geplanten Eröffnung im Frühjahr 2010 aber Dealer oder Junkies an der Schule auftauchen, hat Holtz mit der Polizei vorsorglich ein "Rotes Telefon" vereinbart, damit schnell durchgegriffen werden kann.

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