Ärzte Zeitung online, 26.11.2009

Glücksspielsucht wächst - "Staat ist größter Dealer"

KÖLN (dpa). Es sind vor allem jüngere Männer, die süchtig werden nach Glücksspielen. Sie verzocken ihr Gehalt, verschulden sich hoch, verlieren den Job, begehen oft Straftaten, um sich Geld für ihre Sucht zu besorgen. Ihre Familien ziehen sie mit abwärts. In dieser Gruppe der Süchtigen ist die Zahl der Suizide besonders hoch. Dieses düstere Bild zeichnet der Fachverband Glücksspielsucht (fags) bei einer europäischen Tagung in Köln.

Nach Schätzungen sei von bundesweit bis zu 300 000 Glücksspielsüchtigen und weiteren 150 000 bis 340 000 Gefährdeten auszugehen, sagt Verbandssprecher Jörg Petry. Das Hauptproblem seien die Geldspielautomaten, die als Gefahrenquelle aber unterschätzt würden, betonten Experten am Donnerstag.

"Die Glücksspielsucht in Deutschland ist zu einem ernsten psychosozialen Problem geworden", sagt fags-Verbandschefin Ilona Füchtenschnieder. "70 bis 80 Prozent der Menschen, die in Beratung und Behandlung kommen, sagen, dass die Spielautomaten in Gaststätten und Spielhallen ihr Problem sind." Die rund 220 000 Automaten in Deutschland fallen aber juristisch noch nicht einmal unter "Glücksspiel": "Sie gelten hierzulande fälschlicherweise als Unterhaltungsautomaten und sind damit nur im Gewerberecht angesiedelt", beklagt Füchtenschnieder. Das müsse sich dringend ändern, um zu einem viel kleineren und strikt reglementierten Markt zu kommen.

Die Folgen der Glücksspielsucht können drastisch sein, schildern Therapeuten: "Etwa 20 Prozent aller Süchtigen kommen in eine Behandlung, meistens erst nach fünf bis 15 Jahren, denn es handelt sich um eine heimliche Sucht, die man zunächst verbergen kann", sagt Petry. Viele Betroffene leiden unter Depression, haben massive Schlafstörungen, kommen zum Teil auch in psychiatrische Kliniken. "40 Prozent haben wegen ihrer Sucht eine oder mehrere Straftaten begangen. Ebenso 40 Prozent haben einen oder auch mehrere Selbstmordversuche hinter sich." Die größte Gruppe der Süchtigen bilden junge Männer bis 39 Jahre.

"Das Glück am Anfang wird zum Pech", schildert Experte Wolfgang Kursawe die "klassische Suchtkarriere", die häufig mit einem größeren Gewinn am Automaten beginnt. "Oft stellt sich schon eine Affinität im Jugendalter heraus. Da sind Jungs mit dem Vater zum Frühschoppen in die Kneipe gegangen und haben ihr erstes Geld für den Automaten bekommen." Die Spielhallen haben sich von der dunklen Kaschemme gewandelt in helle, ansprechende Räume, in denen familiäre Atmosphäre vorgegaukelt werde. "Man darf 23 Stunden am Tag bleiben, bekommt Kaffee umsonst, bietet in manchen Fällen Ersatz für die Familie", erzählt Kursawe. Immer wieder seien dort auch - gegen das Gesetz - Minderjährige zu sehen.

Die Verlockung ist riesengroß, denn inzwischen seien Gewinne von mehreren tausend Euro möglich, betont der Fachverband. Ein Süchtiger schaffe es nicht, einen Spiel- und Geldverlust zu akzeptieren. Hilfsangebote für die Süchtigen gebe es noch zu wenig. Der Ausstiegsprozess dauert Petry zufolge einige Jahre. Die Aussichten auf eine lebenslange Abstinenz seien nach einer Therapie aber gut.

Die Aussichten auf einen geforderten politischen Kurswechsel sind allerdings schlecht, glaubt Thomas Hambüchen, Geschäftsführer der Kölner Drogenhilfe. Der Glücksspielmarkt wächst - und lässt auch die öffentlichen Kassen klingeln. Der Staat erziele jährlich vier Milliarden Euro Einnahmen aus dem Glücksspiel, etwa dieselbe Summe wie aus der Alkoholsteuer. "Der Staat ist der größte Dealer", kritisiert Hambüchen. Allein die Stadt Köln komme pro Jahr auf geschätzte sechs Millionen Euro Einnahmen aus den Geldspielautomaten - via Gewerbesteuer.

Der Staat hat ein Monopol bei Glücksspielen und Wetten, das er laut Bundesverfassungsgericht behalten darf, solange die Anbieter alles tun, um Spielsucht zu bekämpfen. Die Spielautomaten fallen aber nicht unter diese Regelung. Unhaltbar, denn auch hier seien Schutzvorschriften dringend geboten, meint Füchtenschnieder: "Es darf nicht sein, dass man in einer Spielhalle an einem Tag sein ganzes Gehalt verspielen kann."

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