Ärzte Zeitung online, 27.11.2009

Very british: Frauen und Komasaufen

LONDON (dpa). Nacht für Nacht wiederholen sich die Szenen: Junge Frauen torkeln völlig betrunken durch britische Straßen. Sie werden gestützt, weil sie alleine nicht mehr laufen können. Andere übergeben sich am nächstbesten Hauseingang oder liegen einfach regungslos auf dem Gehweg. Bilder wie diese gehen regelmäßig durch die Presse und machen auf eine Vorliebe aufmerksam, bei der die Britinnen weltweit spitze sind: Trinken bis zum Umfallen.

Vor allem am Wochenende entwickelt sich das Komasaufen auf der Insel scheinbar zum Volkssport Nummer Eins. "Das ist eine richtige Kultur geworden", sagt Tom, der in einem Pub am Londoner Leicester Square hinterm Tresen steht. Mittlerweile sei das ein Problem. Während er weiter ein Bier nach dem anderen zapft, sitzt draußen eine Gruppe junger Frauen, jede mit mindestens einem geleerten Pint-Glas und einem halbvollen vor sich. "Es gehört halt nach der Arbeit dazu", sagt eine und trinkt ihr Bierglas aus.

Doch bei vielen Frauen ist nach zwei Pints - das ist rund ein Liter - noch lange nicht Schluss. Komasaufen sei unter Britinnen mehr als doppelt so häufig verbreitet wie bei Frauen jeder anderen Nationalität, berichtet Ian Gilmore, Präsident des Royal College of Physicians. Und die Frauen beginnen damit bereits in jungen Jahren, wie eine jüngst veröffentlichte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte. So war etwa jedes dritte Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren schon mindestens zweimal betrunken - in Deutschland war es nur jedes sechste. Und gut ein Viertel der jungen Britinnen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren gab in einer Umfrage zu, sich mindestens einmal pro Woche fast bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken.

Grund für das Alkoholproblem ist auch ein Bewusstseinswandel: Es sei mittlerweile "gesellschaftlich akzeptiert", wenn Frauen betrunken seien, erklärte Gilmore. Und das gelte nicht nur für Mädchen, die sich durch Trinken Gruppenzugehörigkeit und Selbstbewusststein erhofften. Betroffen seien auch ältere Frauen, die nach der Arbeit mit den männlichen Kollegen im Pub mithalten wollten.

Auch Pub-Besucher Nick hält die zunehmende Gleichberechtigung vor allem im Berufsleben für einen Grund, dass Frauen zum Glas greifen. Vor 20 Jahren hätten noch nicht so viele ihr eigenes Geld verdient und sich große Mengen Alkohol leisten können, sagt er. Männer hingegen hätten schon immer viel getrunken.

Doch durch den exzessiven Alkoholkonsum schädigen sich die Frauen nicht nur gesundheitlich. Sie sind offenbar auch gewalttätiger geworden: In den vergangenen zehn Jahren erhöhte sich die Zahl der Gewalttaten unter Frauen um 81 Prozent, wie die Regierung Ende Oktober bekanntgab. Besonders deutlich war der Anstieg bei Körperverletzungen: Wurden 1998 noch rund 3200 Frauen dafür verurteilt, waren es für das Berichtsjahr 2007 mehr als 8000. Die Opposition führt dies auf das Komasaufen zurück, und fordert, Hochprozentiges stärker zu besteuern und Billigangebote in Supermärkten zu verbieten. Dem schließt sich Gilmore an und fordert zudem, Lockangebote in Bars und Pubs und übermäßige Alkoholwerbung, die sich oft an junge Frauen richtet, zu verbieten.

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