Ärzte Zeitung online, 30.10.2010

Öffentliche Rauchverboten schützen Kinder offenbar vor schweren Asthma-Anfällen

Darf in der Öffentlichkeit weniger geraucht werden, müssen Kinder auch zuhause weniger Passivrauch ertragen. Das das macht sich offenbar klinisch bemerkbar - etwa indem die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Asthma sinkt. Von Thomas Müller

Während in Deutschland noch heftig um einen geeigneten Nichtraucherschutz debattiert wird und jedes Bundesland seine eigenen Lösungen favorisiert, wird die Studienlage zum gesundheitlichen Nutzen solcher Verbote immer eindrucksvoller. Längst bekannt ist, dass in Länder nach Einführung strenger Schutzvorschriften die Herzinfarktrate sinkt. Nach Daten einer Metaanalyse von 13 Studien geht die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Herzinfarkt im ersten Jahr nach dem öffentlichen Rauchverbot um 17 Prozent, nach drei Jahren sogar um 36 Prozent zurück. Das lässt sich nicht mehr alleine damit erklären, dass die Passivrauchbelastung sinkt, sondern damit, dass überhaupt weniger geraucht wird. Und davon scheinen auch Kinder zu profitieren. Bekanntlich ist Passivrauchen für Kinder besonders gefährlich, da sie schneller atmen als Erwachsene und sich ihre Lungen noch entwickeln.

Ging man bislang eher davon aus, dass Kinder durch öffentliche Rauchverbote noch mehr Passivrauch zu atmen bekommen, weil ihre rauchenden Eltern dann mehr zuhause qualmen, so scheint nach neuen Studien genau das Gegenteil der Fall zu sein: Die Passivrauchbelastung sinkt sowohl in der Öffentlichkeit als auch zuhause.

So hatten US-Forscher um Dr. Melanie Dove aus Boston die Belastung in US-Landkreisen mit strikten Rauchverboten - etwa in Restaurants, Einkaufszentren öffentlichen Plätzen oder gar privaten Autos - mit der Belastung in Landkreisen ohne solche Einschränkungen verglichen. Dazu haben sie Blutproben von knapp 11 500 Kindern und Jugendlichen aus 117 US-Landkreisen analysiert (Pediatrics 2010; 126: 80). Im Blickpunkt standen die Serum-Konzentrationen von Cotinin, einem langlebigen Nikotin-Abbauprodukt. Gemessen wurde Cotinin in vier Untersuchungsphasen zwischen 1999 und 2006.

Bei Kindern und Jugendlichen aus Nichtraucher-Haushalten ergab sich dabei folgendes Bild: Obwohl in diesen Haushalten niemand rauchte, ließ sich Cotinin bei 54 Prozent der Minderjährigen nachweisen, die in Landkreisen ohne Rauchverbote lebten. Dagegen fand sich Cotinin nur bei 25 Prozent der Minderjährigen in Landkreisen mit strikten Rauchverboten. Als nachweisbar galten dabei Cotinin-Werte von über 0,05 ng/ml. Auch waren die absoluten Cotinin-Konzentrationen in Landkreisen mit Rauchverboten etwa um die Hälfte niedriger als in Kreisen ohne solche Verbote.

Bemerkbar machte sich zudem, dass im Untersuchungszeitraum immer mehr US-Staaten und Landkreise strikte Nichtraucher-Schutzvorschriften einführten. So sank insgesamt der Anteil der Kinder und Jugendlichen in den USA mit Cotinin im Blut von 64 Prozent im Jahr 2000 auf 49 Prozent im Jahr 2006 - bezogen jeweils auf Nichtraucher-Haushalte. In Raucherhaushalten hatten praktisch alle Kinder nachweisbare Cotinin-Spiegel, unabhängig von den lokalen Schutzvorschriften. Doch auch hier nutzen die Schutzvorschriften: Je restriktiver die Verbote in einzelnen Regionen waren, umso geringer war der Anteil der Raucher und damit der Anteil von Kindern, die zuhause passiv rauchten.

Hinweise auf einen direkten klinischen Nutzen von Rauchverboten sehen jetzt auch Forscher um Dr. Daniel Mackay aus Glasgow. Sie hatten die Rate von Klinikeinweisungen bei Kindern unter 15 Jahren aufgrund von Asthma-Anfällen in den Jahren 2000 bis 2009 untersucht. Im März 2006 trat in Schottland ein striktes Rauchverbot am Arbeitsplatz und in allen öffentlichen Einrichtungen inkraft. Bis zur Einführung des Verbots wurden pro Monat etwa 200 Kinder wegen Asthmaanfällen klinisch behandelt, nach der Einführung war die Zahl bis Ende 2009 auf etwa 120 pro Monat gesunken (N Engl J Med 2010; 363:1139). Ähnliches war zuvor im US-Bundesstaat Arizona nach Einführung eines allgemeinen öffentlichen Rauchverbotes beobachtet worden. Hier war insgesamt die Zahl der asthmabedingten Klinikeinweisungen gesunken, und zwar am stärksten in denjenigen Landkreisen, in denen es zuvor die wenigsten Einschränkungen gab (Am J Public Health 2010 online).

Als Grund für den klinischen Effekt nennt auch das Team um Mackay den reduzierten Raucheranteil in der Bevölkerung - und zwar sowohl bei Erwachsenen, als auch bei Kindern und Jugendlichen. Nach Einführung der strikten Nichtrauscherschutzvorschriften in Schottland gaben Kinder und Jugendliche in Befragungen an, nicht nur seltener Passivrauch einzuatmen, sondern auch seltener selbst zu rauchen. Der Raucheranteil in dieser Altersgruppe ging um knapp die Hälfte zurück. Auch auf diese Weise können Rauchverbote offenbar junge Menschen schützen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Erfolg für den Nichtraucherschutz

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