Ärzte Zeitung online, 21.12.2011

Die Tabak-Insider

Enthüllung als Wissenschaft: Ein internationales Forscherteam zeigt, dass es Tabakfirmen mitunter nicht so genau mit ihren eigenen Studien nehmen. Dort wird geschummelt und getrickst.

Die Tabak-Insider

Feuer gegen die Tabakindustrie - liefert eine neue Studie.

© dpa

SAN FRANCISCO (nös). "Wer wird denn da gleich in die Luft gehen?" Die Antwort kommt prompt: "Greife lieber zur HB!" Und schon grinst das HB-Männchen in der berühmten Zigarettenwerbung wie ein Honigkuchenpferd.

Damit die Zigarette wirklich "schmeckt" und leicht zu inhalieren ist, setzen die Hersteller seit etwa der Mitte des vergangenen Jahrhunderts auf Additive. Süßholz, Vanille und Zuckerstoffe sind nur einige der bekannten Beispiele.

Das Problem: Die Zusatzstoffe lassen die Kippe nicht nur leichter rauchen, sie erhöhen auch die Abhängigkeit, die Nikotinresorption, und sie haben sogar zusätzliche toxische Effekte.

Ein internationales Forscherteam hat das nun erneut nachgewiesen - und nebenbei die Verschleierungstaktiken der Zigarettenindustrie enthüllt (PLoS Med 2011; 8(12): e1001145).

Kein Hollywood-Streifen

Die Forschungsarbeit des Teams um den Kardiologie-Professor Stanton Glantz von der Universität von Kalifornien in San Francisco erinnert an den US-Thriller "Insider". Darin spielt Russell Crowe einen Wissenschaftler der Tabakindustrie.

Als er die Manipulationen durchschaut, wird er gekündigt und zum Vorreiter gegen die Tabakindustrie, die ihn mit harten Bandagen und Juristen zum Schweigen bringen will. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit.

Glantz' Studie, an der unter anderem der deutsche Thoraxchirurg Dr. Thomas Kyriss mitgearbeitet hat, ist zwar kein Hollywood-Streifen, dafür nicht minder brisant: Die Forscher zeigen auf wissenschaftlichem Weg, wie die Tabakindustrie Forschungsergebnisse schönt, Studiendesigns kurzerhand verändert und Ergebnisse offenbar nach Belieben interpretiert - nur um das gewünschte Ergebnis veröffentlichen zu können.

Fast 60 Millionen Seiten

Möglich wurde die Untersuchung von Glantz und Kollegen durch gerichtlich angeordnete Veröffentlichungen industrieinterner Dokumente.

Etliche Initiativen jagen solchen Dokumenten hinterher und publizieren sie in Datenbanken, die für jedermann zugänglich sind. So auch die Legal Tobacco Documents Library an der Uni in San Francisco.

Als die Forscher um Glantz dort nach Zusatzstoffen suchten, fanden sie etliche tausend Dokumente. Die verglichen sie miteinander, identifizierten wiederkehrende Personen und Orte.

Am Ende stießen sie immer wieder auf ein und denselben Namen: "Project MIX". Knapp 500 Dokumente mit rund 60 Millionen Seiten konnten sie dazu auswerten.

"Project MIX" ist ein Forschungsprojekt von Philip Morris. Den Startschuss dafür gab der US-amerikanische Tabakhersteller in den 1990er Jahren.

Das Unternehmen fürchtet drastische Regulierungen bei den Additiven und wollte mit wissenschaftlichen Ergebnissen auf die Legislative einwirken.

Wissenschaft gegen Gesetze

Politiker und die Weltgesundheitsorganisation WHO hatten zu diesem Zeitpunkt längst erkannt, dass von den Zusatzstoffen ein zusätzliches Gefährdungspotenzial ausgeht. Mit Gesetzen sollte die Beimischung eingeschränkt werden.

Die Tabakindustrie wollte sich dafür wappen. Im August 1997 startete Philip Morris "Project MIX". 333 Additive sollten in drei verschiedenen Kombinationen auf die Zytotoxizität und Mutagenität untersucht werden - in-vitro und in-vivo, jeweils samt Kontrollgruppe.

Doch bereits nach der Zusammenstellung der Probezigaretten trat das erste Problem auf: Durch die Zusätze erhöhte sich der Anteil des Kondensats, was Raucher für gewöhnlich als "Teer" kennen.

Das Unternehmen ließ kurzerhand das Studiendesign ändern: Statt die Toxinausschüttung auf eine Zigarette zu beziehen, sollte sie nun auf das Kondensat bezogen werden.

Die Studienautoren würden die Werte später "normalisieren", indem sie die Werte anhand des üblichen Kondensatwertes reduzierten - und so die Toxinmenge insgesamt verringerten.

Keine Hinweise gefunden

Knapp fünf Jahre später erschienen die Ergebnisse der Forschungsarbeit in vier gleichzeitigen Veröffentlichungen (Food Chem Toxicol 2002; 40: 77, 93, 105 und 113).

Das Team von Glantz zitiert das damalige Ergebnis so: "Hinweise auf mögliche neue Effekte, die auf Zusatzstoffe zurückgeführt werden können, gab es nicht."

Allerdings gibt bereits die Zeitschrift dem Team um Glantz zu denken. Denn sowohl der Herausgeber, der Mitherausgeber, eine Gutachterin, als auch elf Mitarbeiter des Redaktionsbeirats unterhalten nach den Recherchen der Forscher Kontakte zur Tabakindustrie.

Der Chef des "Projekts MIX" soll zudem gesagt haben: "Wir wandten uns an eine Zeitschrift, deren Herausgeber uns kannte."

Das zweite Problem: Die Wissenschaftler von "Projekt MIX" haben nur die Wirkung von 51 Inhaltsstoffen untersucht. Für das Glantz-Team völlig unverständlich, dazumal auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe ausgeschlossen wurden, die kanzerogen sind.

Risiko durch Kondensat

Das größte Problem ergibt sich allerdings bei der Toxinkonzentration. Die Autoren der Industriestudie hatten die Giftkonzentration anhand des Kondensats "normalisiert". Doch bereits die durch die Additive gestiegene Kondensatmenge ist laut Glanz ein "Indikator für die gesteigerte Toxizität".

Außerdem wirkt sich allein eine höhere Kondensatmenge negativ auf das kardiovaskuläre Risiko aus. Von den Tabakforschern blieb dieser Umstand unerwähnt.

Die Forscher um Glantz hatten die gemessenen Toxinwerte nun auf Nikotineinheiten und Zigaretten umgelegt. Mit einem klaren Ergebnis: Von 31 der gemessenen 51 Chemikalien stieg die Konzentration - in der Industriestudie waren es nur fünf.

Bei 15 Chemikalien stiegen die Werte sogar um mehr als 20 Prozent an, darunter Stoffe wie Arsen, Blei und eben die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe.

Kritik an den In-vivo-Studien

Auch an den Tierexperimenten an Ratten haben die Forscher einige Kritik auszusetzen. In der Philip-Morris-Publikation sprechen die Autoren von "einigen geringfügigen Veränderungen", die allerdings "statistische Interferenz" seien.

Das Team um Glantz vermutet allerdings ein Problem bei der Teststärke und der statistischen Berechnung. Denn die Testgruppen mit jeweils neun Ratten waren damals sehr klein.

Die Forscher haben die Ergebnisse deswegen interpoliert (auf 50 Tiere je Gruppe) und statistisch neu berechnet. Nun erhöhte sich die Zahl der signifikanten Änderungen im Verhältnis deutlich.

Für das Team um Glantz liegt daher nur ein Schluss nahe: Bei dem untersuchten "Projekt MIX" handelt es sich um "Manipulation bei der Darstellung von Forschungsergebnissen".

Das sei allerdings nichts Neues. Die Tabakindustrie verfahre so bereits seit langem etwa im Rahmen von Studien zu den Wirkungen von Passivrauch.

Rauchstopps in Deutschland

Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sprach Mitautor Kyriss sogar davon, dass damals "wissenschaftliche Standards an einigen Stellen umgangen worden" sind.

Die Politik handelt derweil auf ihre Art. In Nordrhein-Westfalen soll es künftig keine Raucherclubs mehr geben. Auch an Schulen, in Festzelten und auf Kinderspielplätzen soll ein kompletter Rauchstopp gelten.

Ins Visier der Behörden sind zudem die Hersteller sogenannter E-Zigaretten geraten. Die Ämter warnen vor potenziellen Schäden durch die Elektro-Kippen.

Außerdem könnten sie womöglich wegen der Nikotinmengen unter das Arzneimittelgesetz fallen - und würden damit schlagartig verboten werden können.

Die Hersteller der E-Zigaretten wiegeln ab: Ihre Zigaretten seien sicher. Ja, wer wird denn da schon in die Luft gehen?!

[21.12.2011, 22:54:50]
Dr. Klaus Eduard Weiers-Croissant 
Die Tabak-Insider
Der Artikel ist sehr schön.

Auch ich habe über dieses Thema geschrieben in meinem Patientenratgeber "Anstiftung zum Nichtrauchen", ISBN 978-3-00-022662-5,

S. 41-57.

Vielleicht empfehlen Sie das Buch Ihren tabakabhängigen Patienten.

Mit freundlichen Grüßen

K. Weiers-Croissant zum Beitrag »
[21.12.2011, 16:04:52]
Dr. Fritz Gorzny 
Übertrieben
Der Tabak ist doch nur eine von tausenden Noxen inklusive osmischer ,akustischer und visueller Störungen, denen der heutige Mensch hilflos ausgeliefert ist. Was soll diese einseitige Verteufelung der Zigarette, die ja sicherlicht nicht gesund ist, deren Gesundheitsbeeinträchtigung aber im Vergleich zum Straßenverkehr oder den falschen Ernährungsgewohnheiten mit versteckten Kalorien und Zusatz-lock-stoffen in unseren Lebensmitteln m.E. völlig übertrieben eingeschätzt wird. Wir sollten nicht vergessen , dass in alnderen Kulturen der Tabak ein (wirkungsvolles) Heilmittel ist und auch schon Menschen wegen des verbotenen Tabakgenusses hingerichtet wurden.
Ich habe 40 Jahre lang mit Genuss zur Zigrette gegriffen und rauche seit 15 Jahren ohne Entzugserscheinungen je gehabt zu haben wegen einer damals bevorstehenden Operation nicht mehr, kann aber mit Freuden anderen beim Rauchen zuschauen und den Tabakduft genießen. Leider ist die Zigarettenkultur bezüglich ihrer Vielfalt - ich denke hier an die köstlichen flachen Orientzigaretten - zugunsten weniger meist amerikanischer Marken von Filterzigaretten mit Mordandrohung verfallen, sadass sich ein Neueinstieg für mich nicht mehr lohnt. Aber Spass beiseite, es ist heute gefährlicher in ein Krankenhaus zu gehen und einem Hauskeim zu erliegen als Kettenraucher zu sein. Jetzt wollen die UMweltschützer in unserer Stadt auch noch die Wärmespender vor den Kneipen , unter denen die Raucher noch einen gewissen Schutz vor der Kälte fanden, wegen CO2 -Emissionen verbieten, halten aber auf der anderen Seite den mühsam fliessenden Verkehr an der "roten Welle" absichtlich auf und lassen damit die Autos ihr CO2 vor sich hinqualmen. Verdrehte Welt.
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