Ärzte Zeitung online, 28.12.2011

Süchtig im Alter

Ein Gläschen in Ehren - sollte man im Alter hin und wieder verwehren. Denn die Zahl alkoholabhängiger Senioren steigt. Die Drogenbeauftragte liefert "alarmierende Zahlen": Jeder siebte Pflegebedürftige soll Probleme mit Alkohol und Tabletten haben.

Mehr Alte mit Suchtproblemen

Gerne mal ein Likörchen: Alkohol wird bei Senioren zum Problem.

© Paul von Stroheim / imago

FRANKFURT/MAIN (nös). Suchtprobleme bei älteren Menschen werden offenbar zunehmenD zum Problem. Nach einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" vom Mittwoch sind in Deutschland immer mehr ältere Menschen abhängig von Alkohol und Arzneien.

Schätzungsweise 400.000 der über 60-Jährigen litten unter Alkoholsucht, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), der Zeitung.

Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass jeder siebte Pflegebedürftige ein Alkohol- oder Medikamentenproblem habe. Auf die Gesamtzahl von rund 2,4 Millionen Pflegebedürftigen umgelegt, wären somit etwa 350.000 Menschen betroffen.

Letzten Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zufolge, wurden im vergangenen Jahr 12.345 Patienten im Alter über 60 Jahre mit der Diagnose einer akuten Alkoholintoxikation (F10.0 ICD-10) aus deutschen Krankenhäusern entlassen.

Extremer Anstieg bei Jugendlichen

Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei 5285 - eine Steigerung um 133 Prozent. Insgesamt dürften die Zahlen allerdings höher liegen, da über die vierte ICD-10-Stelle etwa Missbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssymptome gesondert kodiert werden.

Die Zunahme der Zahlen deckt sich zudem mit der Steigerung bei den Gesamtfallzahlen. Während sie im Jahr 2000 noch bei 54.041 Fällen lag, registrierte Destatis im zehn Jahre später bereits 115.436 Fälle - eine Zunahme um 113 Prozent.

Drastischer fällt allerdings der Anstieg Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 20 Jahren aus. Von 9514 Fällen im Jahr 2000 stiegt die Zahl der Diagnosen auf 25.995 - ein krasses Plus von 173 Prozent.

Einziger Wermutstropfen: Im vergangenen Jahr ist die Zahl verglichen mit dem Vorjahr um rund 450 Fälle gesunken.

Deutliche Unterschiede bei den Diagnosen

Bei der Arzneimittelabhängigkeit sind die Zahlen hingegen weniger deutlich. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchfragen (DHS) sind schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen von Arzneimitteln mit Suchpotenzial abhängig.

Weitere gut 1,2 Millionen sind von Benzodiazepinen und rund 400.000 Menschen von anderen Arzneimitteln abhängig. Nach einer Auswertung der DHS machen die über 60-Jährigen nur einen Anteil von 0,2 Prozent an den Stimulanz-Abhängigen aus.

Ein anderes Bild zeichnet die Diagnosestatisik von Destatis. Danach wurden im vergangenen Jahr 2422 Patienten ab 60 Jahren aus deutschen Kliniken entlassen, bei denen ein Missbrauch mit Sedativa oder Hypnotika diagnostiziert wurde (ICD-10 F13).

Gegenüber dem Jahr 2000 nahm sowohl der relative Anteil von 21 Prozent zu als auch die absolute Zahl (2000: 1861, plus 30 Prozent). Die Gesamtfallzahl stiegt im selben Zeitraum mit 6 Prozent deutlich langsamer an: von 8693 auf 9270 Fälle.

Bei der Diagnose "Multipler Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen" (F19) ist das Bild gedreht: Hier nahm nicht nur die Gesamtfallzahl seit 2000 von 46.537 auf 41.449 ab.

In der Altergruppe sankt die Zahl sogar drastisch um gut 40 Prozent von ehemals 881 auf 524. Ältere Menschen machen damit nur gut 1 Prozent an diesen Diagnosen aus.

Dykmans: "Alarmierende Zahlen"

Allerdings kann die Statistik durchaus auch ein Zerrbild wiedergeben. So ist etwa bei eine feinere Diagnosestellung denkbar, was die Abnahme bei ICD-10 F19 erklären könnte. Zudem geben die Destatis-Daten nur wieder, wieviele Menschen tatsächlich in stationärer Behandlung waren.

Ambulante und gar nicht therapierte Menschen werden nicht erfasst. Die Dunkelziffer, so die Vermutung, wird also deutlich über den offiziell erhobenen Statistiken liegen.

Mit Blick auf die Probleme vor allem bei Älteren sprach Dykmans dennoch von "alarmierenden Zahlen". Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft werde die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren zudem noch weiter zunehmen, warnte sie.

Suchtprobleme müssten künftig verstärkt in den Pflege thematisiert werden. Als Beispiel nannte sie die Sensibilisierung des Pflegepersonals. Außerdem sei eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern notwendig.

Dykmans kündigte an, das Thema Sucht bei älteren Menschen zum Schwerpunkt ihrer neuen nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik zu machen. Den Plan will sie im kommenden Jahr vorlegen.

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