Ärzte Zeitung, 03.04.2013

Sucht

Alkohol tötet jedes Jahr Zehntausende

Suchterkrankungen sind zu selten ein Thema, kritisieren Experten. Auch Hausärzte müssten Sucht gegenüber ihren Patienten mehr thematisieren. Das zeigt sich etwa beim Alkoholkonsum: Denn der stagniert auf hohem Niveau - mit drastischen Folgen.

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Der Griff zur Flasche - in Deutschland kein seltenes Phänomen.

© Uwe Anspach / dpa

BERLIN. Suchterkrankungen werden beim Hausarzt zu selten erkannt oder angesprochen. Darauf hat Dr. Theo Wessel, Geschäftsführer des Gesamtverbands für Suchtkrankenhilfe, am Mittwoch in Berlin hingewiesen.

Er forderte, die Früherkennung von Suchterkrankungen in die Regelversorgung einzubinden. Als problematisch beschrieb Wessel bei der Vorstellung des "Jahrbuches Sucht 2013" den weiterhin hohen Verbrauch an psychotropen Medikamenten.

Vier bis fünf Prozent aller verordneten Medikamente besäßen Suchtpotential, schreibt der Bremer Arzneimarktforscher Professor Gerd Glaeske in dem Buch. Zwischen 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen seien abhängig, die Mehrheit davon von Benzodiazepinderivaten. Hauptgrund seien zu lange Verordnungszeiten.

Die Deutschen haben im vergangenen Jahr mit 82,4 Milliarden hochgerechnet mehr als fünf Milliarden Fertigzigaretten weniger geraucht als im Jahr zuvor. Endgültige Zahlen liegen noch nicht vor.

Hundertausende Krankheitsfälle durch Alkohol

Von einer "positiven Entwicklung" sprach Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen am Mittwoch. Dennoch bleibe der Tabak einer der Hauptkiller in Deutschland. Mehr als 100.000 Todesfälle im Jahr gingen auf sein Konto.

Eine klare Trendumkehr ist beim Tabakkonsum ohnehin noch nicht zu erkennen. Der Rückgang kompensiert lediglich in etwa den Zuwachs von 2010 auf 2011. Zudem hat sich ein Teil des Konsums auf selbstgedrehte Zigaretten verlagert.

Der Verbrauch von Pfeifentabak ist laut der Daten des Jahrbuches seit 2010 um mehr als 250 Tonnen auf 1029 Tonnen im Jahr 2012 gestiegen. Jeder Bewohner Deutschlands hat nach Angaben der Hauptstelle 2012 rund 325 Flaschen Bier, 27 Flaschen Wein, fünf Flaschen Sekt und sieben Flaschen Schnaps getrunken.

74.000 Menschen sind an den Folgen des Alkoholkonsums gestorben. Die meisten von ihnen haben gleichzeitig geraucht. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland auf Platz 13 von 33 Ländern.

Psychische oder verhaltensbezogene Störungen durch Alkohol seien im Jahr 2010 mit 333.357 Behandlungsfällen die dritthäufigste Einzeldiagnose gewesen, beschreiben die Autoren des Jahrbuches den Beitrag von Alkohol zur Morbidität. (af)

[06.04.2013, 14:11:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sucht-Experten dreschen auf die Falschen ein!
Da hat Dr. Theo Wessel, Geschäftsführer des Gesamtverbands für Suchtkrankenhilfe, sich wohl dem wohlfeilen Hausarzt-"Bashing" angeschlossen? - "Suchterkrankungen werden beim Hausarzt zu selten erkannt oder angesprochen". Die Früherkennung von Suchterkrankungen sei in die Regelversorgung einzubinden. Der Bremer Ökonom und Arzneimarktforscher Professor Gerd Glaeske stößt ins gleiche Horn: 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen seien abhängig von Medikamenten, Hauptgrund seien zu lange Verordnungszeiten?

Doch was soll das alles bringen, wenn die Menschen nicht s e l b s t, z. B. von ihren Krankenkassen oder der Alkohol- und Tabakindustrie, auf ihr riskantes Verhalten angesprochen werden. Wir Ärztinnen und Ärzte sind primär für Diagnostik und Therapie von Krankheiten und n i c h t für gesamtgesellschaftliche Vorsorgemaßnahmen ausgebildet.

Die gesamte Gesellschaft ist aufgefordert, gegen Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen vorzugehen, denn allein unsere ärztlichen Präventions-Appelle laufen ins Leere! Wenn in Deutschland j e d e r, vom Säugling bis zum Greis, im Jahr 2012 rund 325 Flaschen Bier, 27 Flaschen Wein, fünf Flaschen Sekt und sieben Flaschen Schnaps getrunken hat und 82,4 Milliarden Fertigzigaretten geraucht wurden, kann man doch nicht einfach "die Ärzte" damit beauftragen, dieser Misere abzuhelfen.

Nein, da helfen nur unmissverständliche Forderungen: An die Alkohol-, Tabak-, Bewirtungs- und Unterhaltungsindustrie bzw. an den mit gewaltigem Steueraufkommen unmittelbar beteiligten und gewinnbringend orientierten Staat. Ärztinnen und Ärzte sind dafür am wenigsten verantwortlich!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[04.04.2013, 08:51:49]
Gerhard Leinz 
Alles zum Nulltarif??
Fakt ist, dasss etablierte Suchthlilfesystem stößt schon lange an seine Grenze. Viele Suchtbetroffene und gefährdete werden nicht erreicht. Fakt ist, dass die Hausärzte immer mehr leisten sollen: Suchtgefährdete ansprechen, psychisch kranlke wieder in die Arbeit bringen.. und dass alles ohne, dass der Zeitaufwand der Hausärzte bezahlt werden soll. Das ist unfair!
Gerhard Leinz, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Suchtmedizinische Grundversorgung, Kiel zum Beitrag »

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