Ärzte Zeitung, 03.06.2015

Studie zeigt

Patienten unterschätzen eigenen Alkoholkonsum

"Wie viel trinken Sie typischer Weise?" Die Antwort vieler Patienten auf diese Frage deckt sich nicht mit dem tatsächlichen Alkoholkonsum - oft deshalb, weil der Arzt falsch fragt. Das zeigt eine britische Studie

Von Beate Schumacher

Patienten unterschätzen eigenen Alkoholkonsum

Ein großer Teil der alkoholhaltigen Getränke wird bei Feiern und anderen speziellen Anlässen konsumiert.

© Kzenon / fotolia.com

BANGOR. Angaben von nationalen Gesundheitssurveys zum Alkoholkonsum unterschätzen den wirklichen Verbrauch offenbar deutlich. Das gilt zumindest für Großbritannien, wo die Mengen der verkauften alkoholischen Getränke mit den Angaben über den Konsum in der Bevölkerung abgeglichen worden sind.

Hier hat sich eine große Differenz zwischen den Selbstauskünften zur Trinkmenge in der Bevölkerung und den tatsächlich verkauften Alkoholmengen ergeben.

In den Selbstangaben ist also offenbar mehr Bescheidenheit enthalten als beim Konsum. Das hat britischen Ärzten zufolge nicht nur mit mangelhafter Erinnerung oder Scham zu tun, sondern auch mit der Art der Befragung. Üblicherweise werden von Survey-Teilnehmern Angaben zum "typischen" Konsum verlangt.

Kneipenabende, Partys, Feiertage und Ferien

Fragt man sie zusätzlich nach dem Trinkverhalten bei besonderen Gelegenheiten wie Kneipenabenden, Partys, Feiertagen oder Ferien, kommen deutlich größere Mengen zusammen, wie Ärzte um Professor Mark Bellis von der Universität in Bangor berichten (BMC Med 2015, online 22. Mai).

Die Forscher haben über 16-jährige Engländer telefonisch befragt, wie viel Alkohol sie durchschnittlich im letzten Jahr zu sich genommen haben. Dazu wurde auch der Konsum bei speziellen Anlässen erhoben und dabei die Abweichung von den üblichen Trinkgewohnheiten.

 4604 Befragte gaben an, Alkohol zu trinken, und zwar im Mittel Getränke mit 84 g Alkohol pro Woche. Wurde zusätzlich der "außerordentliche" Konsum berücksichtigt, stieg der Verbrauch auf 98,4 g. Zum Vergleich: 033 l Bier (4,8 Prozent) enthält 12,7 g Alkohol.

Hochgerechnet auf die englische Bevölkerung würde der ermittelte zusätzliche Konsum laut Bellis und Kollegen gegenüber den Ergebnissen des Gesundheitssurveys ein wöchentliches Plus von umgerechnet zwölf Millionen Flaschen Wein ergeben. Die Lücke zwischen verkauften und konsumierten Alkoholika ließe sich damit immerhin zu 42 Prozent füllen.

Vor allem 16- bis 34-Jährige trinken mehr

Der Alkoholkonsum der Männer musste durch das Einbeziehen von "besonderen Gelegenheiten" in absoluten Zahlen stärker nach oben korrigiert werden, beim relativen Anstieg lagen die Frauen vorne (29,5 vs. 18,3 Prozent). Die Altersgruppe mit dem höchsten atypischen Alkoholkonsum waren die 16- bis 34-Jährigen. Mit steigendem Alter wurde der Extrakonsum immer weniger.

Die Gruppe mit dem zweithöchsten typischen Alkoholkonsum (257,6 g pro Woche) war diejenige, bei der am meisten Ausnahme-Alkohol dazu addiert werden musste, nämlich 33,6 g / Woche.

Bei den 25- bis 34-Jährigen mit einem derart hohen Basiskonsum kamen durch spezielle Anlässe sogar 144 g Alkohol pro Woche dazu. Die höchsten relativen Korrekturen des Alkoholkonsums ergaben sich bei Menschen, die im Alltag kaum Alkohol tranken.

Um die mit Alkohol assoziierten Gesundheitsgefahren abzuschätzen, seien daher bessere Parameter als das typische Trinkverhalten gefragt, so die Forscher: "Angaben über das typische Trinken allein decken sich selten mit dem wirklichen Konsum. Sie eignen sich daher kaum, die gesundheitlichen Konsequenzen abzuschätzen."

[03.06.2015, 08:59:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Da entlarven sich die Sinnsprüche: "Die Augen sind immer größer ...
als der Mund" bzw. "die Augen sind immer größer als der Magen" bei Alkoholkonsum und exzessivem "binge-drinking" als vollkommen neben der Spur.
Und bei "speziellen Anlässen", dem Genuss von Alkoholika bei besonderen Gelegenheiten und in rauen Mengen, gilt dann eher der Sinnspruch: "Der Mund ist immer größer als der Verstand" bzw. "Die Augen sind bei der Anzahl der alkoholisch-'geistigen' Getränke immer kleiner als das geistige Erinnerungsvermögen".
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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