Ärzte Zeitung, 19.02.2016

Pornosucht

Wenn der Sex-K(l)ick zum Zwang wird

Rund um die Uhr verfügbar, in unbegrenzter Menge vorhanden - und meist sogar kostenlos: Pornographie ist zu einer neuen Droge geworden. Und die Zahl der Abhängigen steigt.

Von Christian Beneker

Wenn der Sex-Kick zum Zwang wird

Allgegenwärtig und doch geächtet: Pornographie im Internet. Immer mehr Menschen sind jedoch nach ihr süchtig.

© Gina Sanders / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Manchmal fließt alles durcheinander: Geld und Gier, Lust und Frust, Angst, Moral, Sehnsucht und Suche und Sucht. Dies geschieht, sobald die Rede auf die Pornographie kommt. Sie ist allgegenwärtig und doch geächtet, leicht zu haben und doch mit den Schlössern des Anstandes verhängt und damit voller verbotener Reize.

So weit, so schlüpfrig. Zum Problem wird sie auf jeden Fall, wenn Menschen nach dem unverschämten Treiben der nackten Körper auf dem Bildschirm süchtig werden.

Als relativ neue Droge verbreitet sich die Pornographie durch das Internet und produziert offenbar Millionen Abhängige. Experten sprechen von "Pornosucht": "youporn"; "hotmegaporn" oder "porndig" - in praktisch unbegrenzten Mengen, anonym, kostenlos und "in voller HD-Qualität", wie die Anbieter versichern, liefert das Web den Süchtigen den Stoff.

"Mit einem jährlichen Umsatz von 800 Millionen Euro ist Deutschland weltweit der zweitgrößte Pornomarkt", schreibt die Sozialwissenschaftlerin Esther Stahl. Ein fatales Paradies für Abhängige.

Zwei, drei Stunden zur Entspannung

Zunächst bleibt die Sucht, wie viele andere Süchte auch, im Verborgenen. Eine Stunde, zwei Stunden oder drei Stunden zur Entspannung vor dem Bildschirm. Wer merkt das schon?! Nach und nach verlieren die Abhängigen die Kontrolle über ihren Konsum.

Die Folge: "Reue ohne Genuss statt Genuss ohne Reue", wie der Psychotherapeut Dr. Kornelius Roth aus Bad Herrenalb schreibt. Die Betroffenen ziehen sich schließlich ganz an den Bildschirm zurück. "Erst verändern sich die sozialen Beziehungen in Partnerschaft und Familie, dann gibt es finanzielle und gesundheitliche Einbrüche, schließlich Konflikte mit dem Gesetz. Die Angehörigen sind oft ratlos, wenn sich die Probleme häufen", so Roth.

Roth ist auf die Behandlung von sex- und pornosüchtigen Patienten spezialisiert. Er berichtet von einem 25-jährigen Studenten, der seit seinem 14. Lebensjahr in Video-Chats und über Sexfilme Pornographie konsumiert "und eine funktionierende Beziehung lebte", sagt Roth. "Als er aber seiner Partnerin von seiner Sucht erzählte, zerbrach die Beziehung."

Je mehr der Patient unter der Trennung litt, um so mehr flüchtete er sich in die Sucht, um so mehr versank der Patient im Strudel aus Scham, Frust und Sehnsucht.

Konsum kostenlos

Sind das Einzelfälle? Zahlen über die Süchtigen sind schwer zu bekommen, sagt Professor Matthias Brand, Psychologe an der Universität Duisburg-Essen. "Es gibt noch keine verlässlichen Angaben darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand erkrankt." Indessen deute einiges darauf hin, dass immer mehr Menschen betroffen sind, denn sie brauchen sich die Droge nicht einmal zu beschaffen. Oft kann sie gratis konsumiert werden. Nicht einmal so etwas, wie der Gang des Alkoholikers in den Supermarkt ist nötig.

Weil die Droge immer und überall zu haben ist, steigt auch die Zahl der Süchtigen. "Während sich früher Personen Pornographie in einer Videothek besorgen mussten, ist die Verfügbarkeit über das Internet viel größer, einfacher und subjektiv anonymer. Dies trägt zur Steigerung des Anteils von Betroffenen bei", sagt Brand.

Das Phänomen Internetpornosucht ist relativ jung. "Die ersten Beschreibungen von erlebtem Kontrollverlust durch Pornographiekonsum hörten wir 1996. Für eine Forschung im medizinischen Kontext ist das eine sehr kurze Zeit", berichtet Brand. Die neue Sucht zieht sich durch alle Gesellschaftsbereiche - Singles, Paare - allerdings deutlich mehr Männer als Frauen, meistens zwischen 20 und 50 Jahre alt.

So wie es aussieht, ist aber die Pornosucht für die Wissenschaft nichts Besonderes. Brand schreibt, bildgebende Verfahren hätten gezeigt, dass die Pornosucht (Brand nennt sie Cybersexsucht) im Prinzip genauso funktioniert wie Substanzabhängigkeiten oder Verhaltenssüchte.

Und genauso leiden die Patienten auch wie Spiel- oder Heroin-Abängige darunter, dass das Belohnungssystem im Hirn immer weiter Nachschub fordert. "Die Internetsucht gibt es meines Erachtens auch als Internetpornographiesucht-Variante", erklärt Brand. Im ICD ist die Internetpornosucht aber noch nicht enthalten. Diskutiert wird bisher nur die Internet-Gaming Disorder - nicht als anerkannte klinische Störung, sondern als Forschungsdiagnose."

Kontrolle entgleitet schneller als bei Internetsucht

Auch wenn Brand die Pornosucht (oder Cyber-Sex-Sucht) in die Internetsucht einordnet, hat die Pornosucht als Sucht doch ein eigenes Profil: So sei das Versprechen der quasi unendlichen Menge an immer neuen Darstellungen für die Pornosucht typisch. "Der Süchtige kann sich nie sicher sein, ob nicht das nächste Video noch besser zu seinen sexuellen Präferenzen passt als das, das er gerade anschaut", sagt Brand.

"So entgleitet den Betroffenen die Kontrolle viel schneller. Das ist wohl ein wesentlicher Mechanismus der Pornosucht." Kurz: Die Gier wächst, weil man glaubt, es gebe noch so viel und noch viel befriedigenderes zu entdecken.

Die Sexualwissenschaftlerin Esther Stahl sagt, wer Pornographie konsumiert, wird von den Darstellungen und der lebhaften Sexualität, die da gezeigt wird, nicht beschädigt. Und man müsse auch nicht eine gestörte Sexualität mitbringen, um sich überhaupt für Pornographie zu interessieren. Kurz: Pornographie hat offenbar erstaunlich wenig mit Sexualität zu tun. Nein, nicht die Pornographie beschädige den Sex, "sondern prekäre Verhältnisse machen prekären Sex", zitiert Stahl ihren Professor Konrad Weller, Sexualwissenschaftler an der Hochschule Merseburg.

Stahl folgt damit den Aussagen von John Money, einem US-Sexualwissenschaftler. "Er sagt, dass die so genannten "Love Maps", also sexuelle Skripte, in der frühesten Kindheit schon angelegt werden, meistens nicht einmal durch sexuelle Aspekte", erklärt Stahl.

Also, was wir eines Tages im Bett mögen und was nicht, hängt zum Beispiel davon ab, wie Vater und Mutter miteinander umgegangen sind, wie Intimität und Zärtlichkeit in der Herkunftsfamilie gelebt wurde, welche Stellung Frauen und Mädchen in der Familie hatten und so weiter. "Diese Skripte werden fortgeschrieben und in der Pubertät sexualisiert", so Stahl. "Mancher findet dann Sex mit Tieren faszinierend und andere fühlen sich abgestoßen."

Gewalt und Erniedrigung

So kommentiert Stahl auch die häufig in Pornographie dargestellte Gewalt und die Entrechtung von Frauen. "Gewalt und Erniedrigung von Frauen in der Pornographie sind eher Spiegel unserer patriarchalen Gesellschaft." Aber Pornographie löse die Erniedrigung von Frauen nicht aus. "Wenn ein Mann mit der Erniedrigung von Frauen aufwächst, wird er - wenn er Pornographie konsumiert - auch in der Pornographie die Bestätigung für seine Erfahrungen suchen."

So dürfte wohl die Pornosucht auch nicht Ausdruck und Folge eines generellen hypersexuellen Verhaltens sein, meint Brand. "Andersherum gibt es ja auch Menschen, die zwar exzessiv, unkontrolliert und mehr als sie selber wollen, Internetpornographie konsumieren, aber trotzdem ein durchschnittliches soziosexuelles Verhalten zeigen."

Esther Stahl, die sich vor allem mit dem Pornokonsum von Jugendlichen befasst hat, setzt auf gute Sozialpädagogik und Sexualerziehung. "In einem Projekt haben wir Pornos geguckt und ich haben zum Beispiel klar gemacht, dass all die tollen Brüste da auf dem Bildschirm operiert sind. Zwar haben die jungen Leute eine gewisse Medienkompetenz. Aber man sollte nicht glauben, die wüssten schon alles."

Lesen Sie dazu auch:
Interview: "Pornosucht bleibt eine lebenslange Verwundung"
Veränderungen im Belohnungssystem: Was Pornos im Gehirn anrichten

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