Ärzte Zeitung, 13.05.2004

Bei Schmerzen sind manuelle Techniken eine gute Ergänzung

Sind Schmerzen chronisch geworden, bringen Medikamente allein oft unbefriedigende Ergebnisse / Selbstverantwortung muß gestärkt werden

DRESDEN (gvg). Chronische Schmerzsyndrome sind keine Erkrankungen wie andere. Ihre Entstehung hat oft mehr als nur eine Ursache. Sie entwickeln sich aus einem komplizierten Geflecht aus medizinischen, psychischen und sozialen Faktoren und können hartnäckig gut gemeinten Behandlungsversuchen widerstehen.

"Bei etwa einem Drittel aller Patienten einer Schmerzklinik stand am Anfang der Schmerzkarriere eine Operation", berichtete Professor Christoph Maier von den BG Kliniken Bergmannsheil in Bochum auf dem vom Verlag Urban & Vogel veranstalteten 10. Interdisziplinären Pflegekongreß in Dresden. Mitunter reiche da schon ein unkomplizierter Leistenbruch, so der Schmerzspezialist.

Viele Patienten, bei denen die Schmerzen chronisch würden, gehörten zu jenen, die bereits in den Tagen unmittelbar nach dem Eingriff über für das Personal oft unverständlich starke Schmerzen klagten. Durch eine konsequente medikamentöse Behandlung bei solchen akuten Schmerzen könne wahrscheinlich die Chronifizierung in einigen Fällen verhindert werden, so Maier.

Manche arrangieren sich mit dem Stigma Schmerzpatient

Ist ein Schmerzsyndrom, ob mit oder ohne vorangegangener Operation, erst einmal chronisch, dann bringen Tabletten oder Spritzen allein häufig unbefriedigende Ergebnisse. Das muß nicht an den eingesetzten Substanzen liegen.

Es kann eine Folge mangelnder Compliance sein, aber auch eine Folge psychischer Prozesse, die dazu führen, daß sich der Patient mit dem Stigma Schmerzpatient unbewußt arrangiert: "Das Schlimmste, was Sie zum Beispiel einem Menschen mit unspezifischen, nicht auf einen Bandscheibenvorfall oder andere akute Ereignisse zurückführbaren Rückenschmerzen antun können, ist, ihn mehrere Wochen lang krank zu schreiben", weiß Maier aus langjähriger Erfahrung. Denn das sei häufig der Beginn einer schwer aufhaltbaren Rutschpartie, die letztlich in der Arbeitsunfähigkeit endet.

Intensives Training verhindert Abgleiten in Schmerzkarriere

In Bochum schickt Maier solche Patienten deswegen gerne durch das sogenannte Göttinger Intensivprogramm, bei dem die Teilnehmer vier Wochen lang täglich sechs Stunden ein spezielles Training absolvieren, nämlich eine Mischung aus aktiven Muskelübungen und passiven Maßnahmen zur Desensibilisierung und Muskelstabilisierung am Rücken.

Das auch international anerkannte, für die Patienten äußerst fordernde Programm sei wirksam, so Maier. Allein die Aussicht, es gegebenenfalls noch einmal machen zu müssen, scheine bei vielen Schmerzpatienten eine gewisse Resistenz gegen das Abgleiten in die fatale Schmerzkarriere zu bewirken.

"Was vermieden werden muß, ist eine zu große Abhängigkeit der Schmerzpatienten von ihren behandelnden Ärzten", ergänzte Dr. Matthias Pantel, Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum Dresden-Friedrichstadt.

Außer gezieltem Training seien oft auch manuelle Therapien gut geeignet, das Gefühl der Selbstverantwortung zu stärken und den Schmerz zurückzudrängen. "Manuelle Techniken wie die transkutane Elektrostimulation oder die Akupunktur sind für sich allein genommen aber keine Wundermittel, sondern eher Ergänzungen zur medikamentösen Behandlung", so Pantel.

Auch Maier hat gute Erfahrungen mit manuellen Verfahren gemacht: So erreiche man bei Patienten mit einem Morbus Sudeck, einer höchst schmerzhaften Arm- oder Beindystrophie, die zum Beispiel nach einer Fraktur auftreten kann, mitunter eine weitgehende Schmerzfreiheit, wenn man sie eine Woche lang mehrmals täglich systematischen Hautstimulationen aussetze.

Das kann durch Bestreichen der betroffenen, übersensiblen Areale mit einem Pinsel geschehen, aber auch mit einer Wanne voller Linsen, in denen die Patienten dann die betroffene Arme oder Beine vorsichtig bewegen. Auch bei anderen Formen von Nervenschmerzen sowie bei Gesichtsschmerzen hat Maier diese Dekonditionierung mit Erfolg angewandt.

Sein Steckenpferd allerdings ist die transkutane Elektrostimulation. Dabei wird ein kleines Gerät, das der Patient sich umhängen kann, vom Betroffenen entweder geliehen oder erworben. Meist springt die Krankenkasse ein. Vier Elektroden werden auf die schmerzhaften Areale aufgesetzt. Die Elektrostimulation kann dann gemacht werden, wann immer das gewünscht wird.

"Erst kürzlich haben wir einen 62jährigen Herzpatienten damit ausgestattet, der auf die Transplantation wartet und seit seinem zweiten Infarkt fünf Jahre zuvor schwerste Angina-Beschwerden hatte", berichtete Maier in Dresden. Bereits nach kurzer Zeit habe die Nitratdosis halbiert werden können. Zum Schrecken seiner Ärzte überlegt der Patient jetzt sogar, auf die Transplantation ganz zu verzichten.

FAZIT

In Ergänzung der medikamentösen Therapie können manuelle Therapieformen das zweite Standbein der Behandlung chronischer Schmerzpatienten sein. Verfahren wie die transkutane Elektrostimulation oder die Dekonditionierung sind geeignet, die Betroffenen etwa aus der Abhängigkeit vom Schmerztherapeuten zu lösen und das Abgleiten in eine Schmerzkarriere zu verhindern.

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