Ärzte Zeitung, 16.06.2004

INTERVIEW

Ohne Pendel und ohne Hokuspokus - medizinische Hypnose hilft Patienten mit chronischen Schmerzen

Die Anwendung von Hypnose in der Schmerztherapie hat eine lange Tradition: Bereits zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde sie genutzt, um Schmerzen zu stillen. Wie sich medizinische Hypnose heute - ohne Pendel und Hokuspokus - erfolgreich in der Praxis einsetzen läßt, hat der Psychologe Dr. Stefan Jacobs von der Universität Göttingen bei chronisch Schmerzkranken herausgefunden. Über seine Erfahrungen hat er mit Ruth Ney von der "Ärzte Zeitung" gesprochen.

Ärzte Zeitung: In Ihren Untersuchungen erhielten Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, Rheuma oder Migräne, bei denen keine Therapie mehr zu helfen schien, eine Hypnose. Braucht es dazu den berühmten Hypnosependel?

 

Während
der Hypnose
sind alle Patienten weitgehend schmerzfrei.

 
Dr. Stefan Jacobs
Universität Göttingen

Jacobs: Nein, das ist ein Klischee. Unsere Patienten lernen unter Anleitung eines Therapeuten, sich selbst in einen Zustand tiefer Entspannung zu versetzen, was einer Hypnose gleichkommt. Dazu wird eigens für jeden Patienten eine Tonkassette zusammengestellt - vom Therapeuten besprochen und mit passenden Geräuschen untermalt -, die ihn auf seiner Phantasiereise begleitet. Das kann an einen einsamen Strand sein, auf eine Bergwiese oder wo immer sich der Patient besonders wohl fühlt. Das kann sich dann so anhören: "Sie atmen langsam und gleichmäßig. Sie spüren die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie liegen ungestört an ihrem Lieblingsstrand...."

Mit dieser Kassette kann er auch zuhause Selbsthypnose machen. Nach einer Weile ist dazu sogar keine Kassette mehr nötig. Bei unseren Untersuchungen sollte diese Autosuggestion immer beim Auftreten einer erneuten Schmerzwelle oder mindestens zweimal täglich für 20 Minuten über insgesamt neun Wochen erfolgen.

Ärzte Zeitung: Die Hypnose wird noch mit einer Verhaltenstherapie kombiniert. Was wird dabei gemacht?

Jacobs: Zur Verhaltenstherapie gehört im wesentlichen das Führen eines Schmerztagebuches. Dadurch merken die Patienten genau, wann und unter welchen Umständen ihre Beschwerden auftreten. Sie lernen dann, durch welche Aktivitäten ihre Schmerzen gebessert und durch welche sie verstärkt werden, welche Streßfaktoren es gibt, die sich auf ihr Schmerzempfinden auswirken, und wie man damit umgehen kann.

Ärzte Zeitung: Der Erfolg dieser kombinierten Therapie spricht für sich: der Analgetikaverbrauch ist bei den Patienten in Ihrer aktuellen Studie um 60 bis zu 75 Prozent gesunken. Wie lange hält der analgetische Effekt bei einer Hypnose denn an?

Jacobs: Während der Hypnose sind alle Patienten weitgehend schmerzfrei. Eine Patientin hat zum Beispiel den Schmerz in dieser Zeit nur noch als "vertrautes Druckgefühl" beschrieben. Der schmerzlindernde Effekt kann darüber hinaus noch einige Minuten bis zu einer halben Stunde anhalten. In Kombination mit der Verhaltenstherapie ändert sich aber langfristig das Schmerzempfinden so, daß ein insgesamt niedrigeres Schmerzniveau resultiert und daher auch weniger Schmerzmittel benötigt werden.

Ärzte Zeitung: Gibt es auch Patienten, bei denen die Hypnose nicht wirkt?

Jacobs: Verschiedene Untersuchungen zeigen, daß etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten nicht auf eine Hypnosetherapie ansprechen. Diese Patienten sind nicht oder wenig suggestibel, das heißt, sie sind nicht in der Lage, sich auf eine Phantasiereise zu begeben. Das ist einfach eine Persönlichkeitseigenschaft. Sie können die Suggestibilität daher auch nicht trainieren.

Ärzte Zeitung: Sie wollen das Verfahren noch weiter für die Praxis modifizieren. Wie soll das geschehen?

Jacobs: Wir haben das Konzept nun für eine Gruppenhypnose verändert. Die individuelle Wahl der Ausgangssituation fällt damit zwar weg - man einigt sich etwa generell auf eine Strandszene. Aber jeder kann diese individuell als seinen Lieblingsstrand - mit Karibik- oder Nordseeflair - gestalten. Den Erfolg dieses Gruppenkonzeptes, das für viele Psychologen in der Praxis einfacher als die Einzeltherapie umsetzbar wäre, haben wir gerade in einer dritten Studie überprüft. Die Daten werden derzeit noch ausgewertet.

Sämtliche Ergebnisse werden dann in einem aktuellen Lehrbuch veröffentlicht, das im Herbst im Hogrefe-Verlag erscheint.

Weitere Informationen zu den Arbeiten von Jacobs und zum Thema Hypnose finden sich auf seiner Homepage unter www.psych.uni-goettingen.de

Lesen Sie dazu auch:
Mit Selbsthypnose brauchen Schmerzkranke weniger Analgetika

STICHWORT

Hypnose

Als Hypnose werden von außen einwirkende Interventionen bezeichnet, mit denen ein Trance-Zustand erreicht wird. Dabei werden durch aktive Fixierung der Aufmerksamkeit auf eine meist verbal stimulierte Situation zunehmend andere, sonst zeitgleich wahrgenommene und verarbeitet Reize ausgeblendet. Dies wird je nach Stadium der hypnotischen Trance als Zustand körperlicher Entspannung bis hin zur Ganzkörperkatalepsie empfunden. Der Begriff Hypnose wurde zwar 1843 geprägt, um die Ähnlichkeit eines Hypnotisierten mit einem Schlafenden hervorzuheben. Tatsächlich ist der Patient in einer hypnotischen Trance aber bei vollem Bewußtsein und zur komplexen Wahrnehmungs- und Erlebnisverarbeitung fähig. Dies wird vor allem bei der Psychotherapie genutzt. Bei der medizinischen Hypnose wird das Ignorieren äußerer Reize genutzt, um Ängste und das Schmerzempfinden etwa bei Zahnbehandlungen oder chirurgischen Eingriffen zu mindern.

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