Ärzte Zeitung, 19.10.2006

Alte Patienten vertragen auch starke Schmerzmittel oft gut

WHO-Stufenschema gilt auch für alte Menschen / Ein Präparat der Stufe III kann eher geeignet sein als ein hochdosiertes Präparat der Stufe II

MÜNCHEN (wst). Chronische Schmerzen sind nicht nur bei Krebspatienten, sondern auch bei anderen, alten Patienten oft eher die Regel als die Ausnahme. Bei der Suche nach geeigneten Schmerzmitteln sind altersspezifische Gegebenheiten und mögliche Interaktionen mit sonstigen Therapien zu beachten. Dabei wird ein stärkeres Schmerzmittel in adäquater Dosierung nicht selten besser vertragen als ein schwächeres.

Darauf hat Professor Roland Hardt von der geriatrischen Klinik des Katholischen Klinikums Mainz aufmerksam gemacht. 

Prinzipiell folgt die Schmerztherapie auch in der Geriatrie dem WHO-Stufenschema: Nicht-Opioide wie Paracetamol und NSAR auf der Stufe I, mittelstarke Opiode wie Dihydrocodein, Tramadol und Tilidin auf Stufe II und starke Opiode wie Morphin, Oxycodon, Hydromorphon, Buprenorphin und Fentanyl auf Stufe III.

Daran hat Hardt auf einem von den Unternehmen Gilead, Mundipharma, Ribosepharm und Sanofi-Aventis unterstützten Workshop in München erinnert. Die Anwendung von Substanzen mit antiinflammatorischer Wirkkomponente sei in der Schmerztherapie häufig sinnvoll. Bei alten Menschen hätten NSAR jedoch überdurchschnittlich häufig unerwünschten Wirkungen, so Hardt.

Bei den Opioiden der Stufe II sei zu beachten, daß jenseits der empfohlenen Höchstdosis keine weitere Steigerung der Wirkung zu erwarten ist. Das Risiko für unerwünschte Wirkungen nehme aber zu. Das rechtzeitige Umsteigen auf ein Opioid der Stufe III sei also ratsam, hieß es auf der Veranstaltung.

Tramadol, ein Opioid der Stufe II, ist zudem ein potenter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Es sei deshalb kontraindiziert, wenn ein alter Patient bereits mit einem anderen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, etwa einem Antidepressivum, behandelt wird, erinnerte Hardt.

Als Beispiel für ein Opioid der Stufe III nannte Hardt retardiertes Hydromorphon (Palladon® retard), das für alte Patienten eine geeignete Alternative sei. Denn die Stoffwechselprodukte der Substanz habe keine biologische Aktivität. Außerdem könne das Präparat auch bei eingeschränkter Nierenfunktion verabreicht werden. Hydromorphon werde zudem nicht über Cytochrom-P-450 verstoffwechselt. Daher gebe es kaum Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, so Hardt.

STICHWORT

Aktion Schmerz 60plus

Um die Schmerztherapie bei Alten zu verbessern, hat Mundipharma die Aktion Schmerz 60plus ins Leben gerufen. Das Unternehmen hat dazu die Internetseite www.schmerz60plus.de eingerichtet. Dort geht es um Chancen und Defizite einer adäquaten Schmerztherapie bei alten Menschen. Besonderen Stellenwert haben Arzneimittel-Interaktionen. Anhand einer interaktiven Liste haben Ärzte die Möglichkeit, die Präparate, die sie verschreiben wollen, darauf hin zu überprüfen, welche Interaktionen es mit verschiedenen Schmerzmitteln gibt. (wst)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Therapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »