Ärzte Zeitung, 25.08.2006

Schmerztherapie - Ärzte starten Info-Kampagne

Qualifizierte Schmerzbehandlung soll Wettbewerbsfaktor an Kliniken werden / Chirurgen klären Patienten auf

KÖLN. Patienten kommt eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, in Kliniken eine adäquate Schmerztherapie zu etablieren. Wenn Patienten informiert sind, was in diesem Bereich möglich ist, und das auch aktiv einfordern, werden die Kliniken gezwungen sein zu reagieren. Davon geht Professor Edmund Neugebauer aus, Lehrstuhlinhaber für Chirurgische Forschung und Direktor des Instituts für Forschung in der Operativen Medizin an der Universität Witten/Herdecke.

Frau mit Kopfschmerzen - an deutschen Kliniken ist nach Meinung vieler Chirurgen die Schmerztherapie stark verbesserungswürdig. Foto: Imago

Von Ilse Schlingensiepen

"Wir werden die Patienten verstärkt informieren und eine Kampagne starten", kündigte Neugebauer auf der Euroforum-Konferenz "Schmerzfreie Klinik" in Köln an. "Wir möchten Patienten stärken und sie zu Partnern machen."

Holt Patienten mit ins Boot: Professor Edmund Neugebauer von der Universität Witten/Herdecke. Foto: djb

Er stellte eine Patientencheckliste "Schmerzen müssen nicht sein" vor, die für die 1. Jahrestagung der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Akutschmerz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie erarbeitet wurde. Neugebauer ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Die Checkliste gibt Patienten mehrere Fragen an die Hand, die sie vor einem Eingriff mit dem behandelnden Arzt abklären sollen.

Dazu zählen "Wird der Schmerz regelmäßig gemessen?", "Kann ich soviel Schmerzmittel bekommen, wie ich brauche?", "Worauf muß ich bei der Schmerzmitteleinnahme achten?" oder "Haben Sie ein schriftliches Schmerzkonzept in Ihrer Klinik?" Die Arbeitsgemeinschaft werde diese Checkliste ins Internet stellen und über möglichst viele Kanäle bekannt machen, sagte Neugebauer.

Studie zeigt Schwächen beim Schmerzmanagement auf

Bei der Akutschmerztherapie gebe es in Deutschland nach wie vor einen großen Handlungsbedarf, betonte er. Er verwies auf die Ergebnisse der PATHOS-Studie in sieben europäischen Ländern, darunter Deutschland (Postoperative Analgesic Therapy Observation Study). Grundlage der Untersuchung waren anonymisierte Fragebögen, die 1500 Chirurgen und Anästhesisten Ende 2004 ausgefüllt hatten. Die Experten im Studienkomitee hatten zu einzelnen Punkten vorab Mindeststandards für ein optimales Schmerzmanagement definiert.

Im internationalen Vergleich schnitten die deutschen Krankenhäuser beim postoperativen Schmerzmanagement in den meisten Punkten schlecht ab. So gab es in 52 Prozent der hiesigen Kliniken nach Operationen keine systematische Schmerzbewertung, in der Gesamtheit aller Häuser waren es 35 Prozent. In neun Prozent der Häuser gibt es schriftliche Schmerzprotokolle, verglichen mit zwölf Prozent international.

"Der einzige Bereich, in dem wir ein Stück Hoffnung schöpfen können, sind die Ausbildungskonzepte, da sind wir ein bißchen weiter als die anderen", sagte Neugebauer. Bei der Weiterbildung entsprachen 16 Prozent den Anforderungen der Experten, insgesamt waren es nur elf Prozent.

"Die Schmerztherapie ist ideal als Qualitätsindikator geeignet", sagte Professor Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Nur wenige andere Indikatoren böten eine vergleichbare Möglichkeit, die Struktur-, Prozeß- und Ergebnisqualität bei Operationen abzubilden.

Die Schmerztherapie könne entscheidend dazu beitragen, die Auswirkungen des postoperativen Traumas zu verringern, die postoperative Genesung zu beschleunigen, das Krankheitsgefühl der Patienten zu vermindern, ihre körperliche Beeinträchtigung zu minimieren und die Inzidenz allgemeiner Komplikationen zu reduzieren. "Hinzu kommt der Nebeneffekt der Verweildauerverkürzung", so Bauer.

Patienten haben Anspruch auf Facharzt-Behandlung

"Die qualifizierte Akutschmerztherapie könnte zum Wettbewerbsfaktor für Kliniken werden", erwartet er. Der Chirurg plädierte dafür, daß die Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung die Akutschmerztherapie als Indikator für die externe Qualitätssicherung in Krankenhäusern aufnimmt.

"Eine wirkungsvolle Schmerztherapie ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine rechtlich verpflichtende Aufgabe des Arztes", betonte der Arztrechtler Professor Klaus Ulsenheimer. Patienten hätten auch in der Schmerztherapie Anspruch darauf, nach dem Standard eines erfahrenen Facharztes behandelt zu werden. "Der Krankenhaus-Träger muß dafür die personellen und organisatorischen Voraussetzungen schaffen", betonte Ulsenheimer.

Mängel in der Schmerztherapie könnten den Kliniken nicht nur berufs- und zivilrechtliche Probleme bereiten, sondern könne auch strafrechtlich relevant werden. "Die Zufügung oder Aufrechterhaltung unnötiger Schmerzen ist eine Körperverletzung." Patienten könnten dadurch Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz erhalten.

STICHWORT

Akut-Schmerztherapie

Vier Faktoren belegen nach Professor Edmund Neugebauer die besondere Bedeutung der Akutschmerztherapie für die Versorgung:

  • Der Arzt verstößt bei unterlassener Schmerztherapie gegen Berufsrecht, Zivilrecht und Strafrecht.
  • Eine inadäquate Schmerztherapie kann zu schwerwiegenden akuten Folgeschäden bei den Patienten führen (Erhöhung der Morbidität und der Mortalität).
  • Die Chronifizierung akuter Schmerzen beeinträchtigt langfristig die Lebensqualität der Betroffenen erheblich.
  • Eine inadäquate Therapie steigert die kurz- und langfristigen Krankheitskosten. (iss)

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