Ärzte Zeitung, 28.02.2007

Reines Botulinumtoxin wirkt bei Dystonie trotz Antikörpern

Risiko für Antikörperbildung ist geringer als mit nativem Toxin

HANNOVER (grue). Die Injektion von Botulinumtoxin Typ A gehört zur Standardtherapie bei zervikaler Dystonie. Dabei ist ein reines Toxinpräparat ohne Hüllproteine ebenso wirksam wie natives Botulinumtoxin, wirkt aber auch noch bei Patienten, die neutralisierende Antikörper gegen Botulinumtoxin gebildet haben.

Mit Xeomin® ist ein reines Botulinumtoxin Typ A im Handel, das im Gegensatz zu anderen Präparaten keine Hüllproteine enthält und deshalb weniger mit bakteriellen Bestandteilen verunreinigt ist. Somit dürfte das Risiko für eine Antikörperbildung langfristig geringer sein. Die Wirksamkeit des neuen Toxins ist in einer kontrollierten Studie geprüft worden, wie Professor Reiner Benecke aus Rostock berichtet hat.

Die Ergebnisse dieser Studie hat der Neurologe bei einer Veranstaltung des Unternehmens Merz in Hannover vorgestellt.

An der Untersuchung haben 463 Patienten mit zervikaler Dystonie teilgenommen, die stabil auf das Vergleichsmedikament Botox® eingestellt waren. Sie wurden entweder mit diesem Botulinumtoxin weiterbehandelt oder auf das reine Toxin umgestellt. Die Studie war auf Nicht-Unterlegenheit ausgelegt und erreichte dieses Ziel auch: Im gewählten Dosisbereich zwischen 70 Einheiten und 300 Einheiten gab es zwischen den beiden Prüfpräparaten keine Unterschiede, weder in der Effektstärke, noch in der Wirkdauer und auch nicht im Profil unerwünschter Arzneimittelwirkungen.

Vier Wochen nach der Injektion war bei den Patienten beider Therapiegruppen die Dystonie signifikant zurückgegangen: Auf einer Dystonie-Skala (maximale Punktzahl 35) war der Wert von 18 auf im Median 11 gesunken. Auch bei Patienten mit Spastik, die erstmals mit Botulinumtoxin behandelt werden sollen, sei das neue Medikament in einer Dosierung von 10 bis 200 Einheiten gut wirksam, sagte Benecke.

Selbst bei Patienten, die auf andere Botulinumtoxin-A-Präparate nicht mehr ansprechen, weil sie neutralisierende Antikörper gebildet haben, könne das reine Toxin noch wirken, so die Erfahrung des Neurologen.

Sein Rostocker Kollege Privatdozent Dirk Dressler hat mit der Therapie mit gereinigtem Toxin auch gute Erfahrungen gemacht. Zwar habe das Toxin wegen der fehlenden Komplexproteine ein geringes Molekulargewicht, das scheine aber die Gewebeperfusion nicht zu beeinflussen. Bei 37 Patienten mit zervikaler Dystonie oder schwerer Spastik, die zuvor mit anderen Botulinumtoxin-A-Präparaten erfolgreich behandelt worden waren, war das Medikament auch in hohen Dosen sicher und wirksam. Kein Patient berichtete über Unterschiede zur Vortherapie.

STICHWORT

Botulinumtoxin

Clostridium botulinum bildet das Botulinumtoxin, das selektiv und reversibel die quer gestreifte Muskulatur lähmt. Von den sieben bekannten Serotypen werden lediglich zwei (Typ A und Typ B) klinisch genutzt. Die auf dem Markt befindlichen Präparate haben unterschiedliche pharmakologische Profile. (eb)

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