Ärzte Zeitung online, 22.08.2008

Schmerzforscher aus Jena entwickeln neuartige Handprothese

JENA (eb). Patienten, denen Gliedmaßen amputiert wurden, leiden häufig an Phantomschmerzen. Eine interdisziplinäre Forschergruppe der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersucht, wie sich spezielle Arm- und Handprothesen auf die Entwicklung von Phantomschmerz und das Gehirn auswirken. Für die Studie werden Patienten gesucht.

"Phantomschmerz ist bis heute schlecht therapierbar, weil seine Ursachen nicht ausschließlich in der amputierten Extremität zu suchen sind", sagt Professor Thomas Weiß vom Institut für Psychologie. Vielmehr nehmen die Wissenschaftler von der Universität Jena an, dass es erhebliche Umstrukturierungsprozesse in jenen Teilen des Gehirns gibt, die vor der Amputation mit der Verarbeitung von Informationen aus der nun fehlenden Extremität beschäftigt waren. Diese Umstrukturierungsprozesse seien fehladaptiv, sie gehen sozusagen ins Leere. Eine mögliche Folge ist der Phantomschmerz.

Um diese Fehlentwicklung wenigstens teilweise rückgängig zu machen, nutzt die Jenaer Forschergruppe herkömmliche Prothesen, bei denen Druckinformationen aus den künstlichen Fingern dem Gehirn gemeldet werden. "Die ersten Untersuchungen in einer Experimentalanordnung erwiesen sich als sehr vielversprechend", sagt Professor Wolfgang Miltner, Lehrstuhlinhaber für Biologische und Klinische Psychologie.

Im neuen Projekt soll nun die Experimentalanordnung zu einer funktionstüchtigen Prothese weiterentwickelt werden. Die Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität arbeiten dabei intensiv mit dem Unternehmen VisuMotion Jena und der Firma Otto Bock aus Duderstadt zusammen. "Anfang nächsten Jahres soll die neue Prothese zur Verfügung stehen", sagt Weiß. Bis dahin werde mit der Experimentalanordnung weitergearbeitet.

Die Forschergruppe kooperiert dabei eng mit der Bernstein-Gruppe "Neuromatrix des Schmerzes", die Teil des vom Bundesforschungsministerium geförderten nationalen Netzwerkes für Computational Neurosciences ist. Dieses Netzwerk wurde 2004 von der Bundesregierung unter der Bezeichnung "Bernstein-Zentren" oder "Bernstein-Gruppen" ins Leben gerufen, um deutschlandweit die Forschung auf diesem Gebiet nachhaltig zu fördern und zu bündeln. Der Bernstein-Gruppe der Friedrich-Schiller-Universität gehören Informatiker, Psychologen, Neurologen, Unfallchirurgen, Physiker und Mathematiker an.

Es ist bekannt, dass das Gehirn permanent dazu in der Lage, sich zu verändern oder weiterzuentwickeln, wie die Jenaer Forscher bereits an vielen Beispielen bewiesen haben. Die Erfolgsaussichten des neuen Projektes haben die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) bewogen, die Arbeit der interdisziplinären Forschergruppe in den nächsten drei Jahren mit etwa 300 000 Euro zu fördern.

Für das neue Projekt werden Patienten mit Arm- oder Handamputationen gesucht, die an der Studie teilnehmen wollen. Anmeldungen nehmen Dipl.-Psych. Caroline Dietrich (Tel. 03641 / 945157, E-Mail: caroline.dietrich@uni-jena.de), Prof. Dr. Thomas Weiß (Tel. 03641 / 945143) und Angelika Kippe (Tel. 03641 / 945140) entgegen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »