Ärzte Zeitung online, 22.02.2010

Mit der Spiegeltherapie sind Schmerzen "verlernbar"

BOCHUM (eb). Die Spiegeltherapie gelingt es, die Phantomschmerzen bei Patienten nach einer Amputation zu lindern. Schmerztherapeuten in Bochum haben bereits viele Jahre Erfahrung mit dieser Behandlungsform.

Phantomschmerzen quälen die meisten Menschen, denen wegen eines schweren Unfalls oder einer Erkrankung ein Arm oder Bein amputiert werden musste. Die Patienten haben an der Stelle der amputierten Gliedmaße häufig attackenartige Schmerzen, so, als wenn der Arm oder das Bein noch vorhanden wären. Ursache ist eine fehlerhafte Anpassung des Gehirns nach der Amputation, die sich in unbegründeten Schmerzempfindungen äußert. Medikamente können Abhilfe schaffen, jedoch dämpfen sie in vielen Fällen nur die heftigsten Schmerzimpulse oder sind für die Patienten wegen starker unerwünschter Wirkungen nicht gut verträglich.

Lernen, das "Phantom" zu kontrollieren

Deshalb wurden in den vergangenen Jahren neue Therapien entwickelt: Seit fünf Jahren wird am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum die Spiegeltherapie angewendet. Bei dieser Therapie setzt sich ein Patient so vor einen Spiegel, dass die amputierte Gliedmaße verdeckt ist. Im Spiegelbild kann er ein Abbild seines vorhandenen Armes oder seinen Beines sehen. Es wird ihm die optische Illusion vermittelt, das amputierte Körperteil sei noch vorhanden.

Führt der Patient nun Übungen mit der gesunden Gliedmaße aus, bekommt er den Eindruck, er könne das "Phantomkörperteil" wieder bewegen und kontrollieren. Dadurch werden im Gehirn jene Zentren aktiviert, die den Phantomschmerz auslösen. "Beim Phantomschmerz ersetzt das Gehirn die fehlenden Signale eines amputierten Körperteils fälschlicherweise durch Schmerz", so Professor Christoph Maier, Leitender Arzt der Abteilung für Schmerztherapie am Bergmannsheil, in einer Mitteilung der Klinik. "Mit der Spiegeltherapie können wir diese Fehlanpassung korrigieren: Der Patient lernt, seine Phantomgliedmaße zu kontrollieren, wodurch sich auch die Schmerzempfindung deutlich reduzieren lässt."

Bisher wurden über 150 Patienten behandelt

Das spezielle Verfahren, das in Deutschland erstmals im Bergmannsheil angewendet wurde, wurde in den fünf Jahren seit seiner Einführung bereits bei über 150 Patienten genutzt. Bei der überwiegenden Zahl der Patienten zeigte sich bereits nach wenigen Behandlungen eine erhebliche Schmerzlinderung. Dabei haben sich die Erkenntnisse zur Spiegeltherapie und zu den Behandlungsmöglichkeiten in den letzten fünf Jahren deutlich vergrößert.

"Bei manchen Patienten wirken Berührungsreize besser, bei anderen führen Bewegungsübungen zum Erfolg", sagt Susanne Glaudo, Ergotherapeutin am Rehabilitationszentrum des Klinikums Bergmannsheil. "Dabei arbeiten wir mit verschiedenen Materialien wie Steckspielen und Igelbällen, mit denen die Patienten vor dem Spiegel üben können." Gemeinsam mit Maier hat Glaudo zwei patentierte Spiegelgeräte entwickelt, mit denen Patienten auch zu Hause trainieren können.

Behandlung ohne Nebenwirkungen

Außer Phantomschmerzen gibt es weitere Anwendungsmöglichkeiten der Spiegeltherapie. Dazu gehören Nerven- und Nervenwurzelverletzungen, das komplexe regionale Schmerzsyndrom, auch unter dem Namen Morbus Sudeck bekannt, sowie Schmerzen und Lähmungen nach einem Schlaganfall. "Der entscheidene Vorteil der Spiegeltherapie sind die fehlenden Nebenwirkungen", sagt Maier. "Allerdings kommt es darauf an, dass die Therapie unter Anleitung von qualifiziertem Fachpersonal gemacht wird."

Am Klinikum Bergmannsheil finden aus diesem Grund regelmäßig Veranstaltungen für Therapeuten statt. Die nächste Veranstaltung ist am 20. Februar 2010 im Klinikum Bergmannsheil und trägt den Titel "Herausforderung Nervenschmerz".

Weitere Infos www.bergmannsheil.de

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