Schmerzen

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Ärzte Zeitung online, 29.09.2010

Neurostimulation gegen chronische Schmerzen

TÜBINGEN (eb). Patienten mit chronischen Schmerzen, bei denen chirurgische Eingriffe und medikamentöse oder physikalische Therapien nicht erfolgreich waren, dürfen sich von der Rückenmarkstimulation Besserung erhoffen.

Bei unstillbaren chronischen Schmerzen ist die Neurostimulation eine Option

Zwei Elektroden im Wirbelkanal: Feine elektrische Impulse in Höhe der Brust werden an die Rückenmarksnerven gegeben. Die Schmerzweiterleitung in den Nervenbahnen wird gedämpft, der Patient spürt lediglich ein leichtes Kribbeln in den früheren Schmerzarealen.

© Medtronic

Bei einer kleinen Operation mit lokaler Betäubung wird bei dem Verfahren eine Elektrode in den Spinalkanal eingebracht, berichtet Dr. Guilherme Lepski von der Tübinger Universitätsklinik für Neurochirurgie. Noch während des Eingriffs prüft der operierende Arzt den korrekten Sitz der Elektrode durch elektrische Signale, die an der von Schmerzen betroffenen Körperregion ein leichtes Kribbeln erzeugen.

Nach der Operation liefert ein kleiner, zunächst außerhalb des Körpers angebrachter Pulsgenerator die Signale. Eine Woche lang wird so die schmerzhemmende Wirkung im Alltag des Patienten beobachtet. Bei Erfolg wird dann auch der Signalgeber unter die Haut verpflanzt.

"80 Prozent aller Patienten sind mit dem Ergebnis zufrieden und erleben die Intensität des Schmerzes um mindestens die Hälfte reduziert", so Lepski in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums. Für chronisch schmerzgeplagte Patienten bedeutet dies eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Die Therapie hat - abgesehen von dem erzeugten Kribbeln, das von den Patienten nicht als unangenehm empfunden wird - praktisch keine Nebenwirkungen. Jedenfalls keine unerwünschten: Bei Patienten mit Gefäßverengungen führen die elektrischen Impulse sogar zu einer Erweiterung der Gefäße.

Infrage kommt diese neue Therapieform für viele chronische Schmerzpatienten. Voraussetzung ist, dass zuvor konservative und medikamentöse Therapieversuche erfolgt sind und psychische oder psychosomatische Erkrankungen als Ursache der Schmerzen von einem Arzt ausgeschlossen wurden.

Außerdem müssen die Schmerzen seit mindestens sechs Monaten vorhanden sein. Die Kosten werden nach Angaben des Klinikums bei entsprechender Indikation von den Krankenkassen übernommen. Erfolgreich behandelt wurden bereits Patienten nach Rückenoperationen, bei denen trotz beseitigter Kompression der Nervenwurzeln Schmerzen im Rücken oder in den Beinen zurückgeblieben waren.

Auch bei Durchblutungsstörungen in Füßen oder Händen wie bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) oder nach Entzündungskrankheiten hat sich die Methode bewährt, ebenso bei chronischer Angina pectoris, beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) und vielen Formen der Neuralgie.

Patienten mit chronischen Schmerzen, die den genannten Kriterien entsprechen, können an die Ambulanz der Neurochirurgie des Universitätsklinikums Tübingen vermittelt werden, Tel.: 0 70 71 / 29-8 66 79 oder -29-8 64 49.

Neurostimulation

Schon in der Antike experimentierten Menschen mit elektrischen Impulsen gegen Schmerz. Ihre Energiequelle waren damals Fische, die Stromstöße abgeben. Nachdem die Neurostimulation lange in Vergessenheit geraten war, beschrieben Mitte der 1960er-Jahre die beiden Forscher Ronald Melzack und Patrick Wall erstmals wissenschaftlich die Wirkungsweise, die sich die funktionelle Neurochirurgie nun zunutze macht. Verschiedene sensorische Informationen werden über parallele Nervenbahnen übertragen, die sich gegenseitig behindern. Werden bestimmte Nerven gezielt durch elektrische Impulse gereizt, so verdrängen diese Signale an den Schaltstellen im Rückenmark und im Gehirn andere Reize, die als Schmerz wahrgenommen werden. Die Tübinger Neurochirurgie ist bundesweites Referenzzentrum für Neurostimulation. Patienten aus ganz Deutschland und aus dem Ausland suchen hier Hilfe. (eb)
[01.10.2010, 11:06:03]
Dipl.-Med Holger Klinke 
Neurostimulations-Verfügbarkeit
Damit nicht der Verdacht auf eine gravierende Unterversorgung aufkommt und sich womöglich eine Warteliste in Tübingen bildet: Patienten mit chronischen Schmerzen, die den genannten Kriterien entsprechen, können auch an viele andere Adressen vermittelt werden, so daß eine halbwegs wohnortnahe Versorgung möglich ist. Informationen bei der Deutschen Gesellschschaft für Neuromodulation (www.dgnm.de).

Klinke-Neurochirurg.de
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