Ärzte Zeitung online, 31.12.2010

Gastbeitrag

Paracetamol: Alt, bewährt - und harmlos?

Paracetamol scheint nicht das ideale Schmerzmittel für alternde, infarktgefährdeten Menschen zu sein. Und auch Schwangeren sollte nach vorliegenden Daten die Substanz nicht bedenkenlos empfohlen werden.

Paracetamol: Alt, bewährt - und harmlos?

Professor Kay Brune

© Uni Erlangen

Von Kay Brune

In den vergangenen Jahren hat sich unser Blick auf Paracetamol grundsätzlich verändert. Die Hypothese, es handele sich um ein Analgetikum mit eigenständigem Wirkungsmechanismus, wurde widerlegt: Paracetamol ist ein schwacher Hemmer der Prostaglandinproduktion mit hoher, substanzspezifischer Lebertoxizität. Somit wurde auch verständlich, dass Paracetamol die Inzidenz von Hypertonie(Sudano et al., 2010), Herzinfarkten (Chan et al., 2006), aber auch von Magen-Darm-Blutungen erhöht - letzteres vor allem in der Kombination mit Acetylsalicylsäure (Rahme et al., 2008).

Trotzdem empfehlen wir diesen Wirkstoff immer noch Schwangeren, die über Kopf- und Gliederschmerzen klagen - zu Recht?

Neue Studien aus Skandinavien, England und Nordamerika geben Anlass zur Sorge, belegen sie doch, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft äußerst problematisch ist: Das Auftreten von Asthma bei Kindern der so behandelten Mütter ist deutlich erhöht (Etminan et al., 2009; Scialli et al., 2010; Shaheen et al., 2010) - wobei offen bleibt, ob die Hemmung der Prostaglandinsynthese oder ein zusätzlicher Gendefekt die Ursache ist.

Paracetamol: Alt, bewährt - und harmlos?

Reiche Auswahl an Medikamenten - aber was davon kann eigentlich etwa Schwangeren empfohlen werden?

© Schlierner / fotolia.com

Und: Zwei neue skandinavische Analysen werfen neue Fragen auf: Es zeigt sich, dass Paracetamol, während der Schwangerschaft genommen, den postpartalen Kryptorchismus beim männlichen Kind begünstigt und die spätere Spermienqualität und Spermienzahl reduziert (Jensen et al., 2010; Kristensen et al., 2010. Dieser Effekt tritt wohl bereits im ersten und zweiten Schwangerschaftstrimenon ein und nicht erst am Ende der Schwangerschaft (Jensen et al., 2010).

Könnte es sein, dass die viel diskutierte Verminderung der männlichen Zeugungsfähigkeit in den westlichen Industrienationen eventuell auch eine Folge des intensiven Paracetamolgebrauches der schwangeren Mütter ist, wie die Autoren der skandinavischen Arbeiten vermuten?

Der jahrzehntelange Glaube, Paracetamol sei ein besonders harmloses, verträgliches und mit einem besonderen Wirkungsmechanismus ausgestattetes, sicheres und preiswertes Schmerzmittel, wird aufgrund der neuen wissenschaftlichen Einsichten erschüttert. Paracetamol ist eben auch nur ein Zyklooxygenasehemmer, allerdings mit bedrohlicher Lebertoxizität bereits bei therapeutischer Dosierung(Canbay et al., 2009).

Die chronische Einnahme steigert zudem den Blutdruck, Infarkte und Schlaganfälle nehmen zu - Paracetamol scheint also nicht das ideale Schmerzmittel für den alternden, Infarkt gefährdeten Menschen zu sein.

Zur Person: Professor Kay Brune

Aktuelle Position: Doerenkamp-Stiftungsprofessur für Innovationen im Tier- und Verbraucherschutz, Uni Erlangen-Nürnberg.

Karriere: Seit 1981 Ordentlicher Professor für Pharmakologie und Toxikologie an dieser Uni.

Forschungsschwerpunkte: Zyklooxigenasen, Zytokine, Analgesie.

Schlimmer jedoch ist, dass auch für Schwangere niemand mehr guten Gewissens die Einnahme von Paracetamol empfehlen kann - zu zahlreich sind die Hinweise, dass bereits das ungeborene Kind in utero Schaden erleiden kann.

Fazit: Paracetamol ist obsolet. Es sollte, wenn überhaupt, nur bei Fieber oder bei passageren Schmerzen gesunder Erwachsener kurzfristig zum Einsatz kommen - für diese Gruppe aber gibt es wirksamere Schmerzmittel. Schwangere sollten keine Zyklooxygenasehemmer verwenden - was aber können wir als Ersatz empfehlen? Hin und wieder ein niedrig dosiertes Ibuprofen - aber auf Rezept und nur, wenn wirklich "Not an der Frau" ist?!

Paracetamol sollte nicht mehr rezeptfrei käuflich sein - auch deshalb, weil dadurch der Glaube, es handele sich um ein harmloses, verträgliches und ungefährliches Schmerzmittel, perpetuiert wird.

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