Schmerzen

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Ärzte Zeitung online, 22.10.2013

Leitartikel zum Placebo-Effekt

Von Schamanen lernen

Es kommt auch darauf an, wie, nicht nur womit der Arzt behandelt. Manchmal ist es sogar primär das Ritual, das zur gewünschten Wirkung führt. Vor allem in der Schmerztherapie lohnt es sich, tief in die Trickkiste zu greifen.

Von Thomas Müller

Leitartikel zum Placebo-Effekt: Von Schamanen lernen

Akupunktur: Hier tobt noch ein Expertenstreit, ob es signifikante Unterschiede zwischen "richtigem" Nadeln und Scheinakupunktur gibt.

© ECH (European Council for Homeopathy)

Die Situation kennt wohl jeder. Das kleine Kind fällt auf die Nase und heult, die Mutter versucht, es mit viel Zuwendung und einem Lolly vom Schmerz abzulenken. Bald strahlt es wieder, obwohl die Nase erst so richtig anschwillt.

Im Prinzip funktioniert die Methode auch bei Erwachsenen, hier benötigt man jedoch weit ausgeklügeltere Maßnahmen, um Schmerzen und anderen Leiden zu lindern - die Show muss deutlich besser sein, denn so einfach lassen wir uns nicht überzeugen, dass bald alles wieder gut wird.

Dass Rituale wichtig für den Therapieerfolg sind, ist keine neue Erkenntnis, sie ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, denn schließlich hatten Ärzte, Heiler und Schamanen über Jahrtausende hinweg kaum etwas anderes an der Hand als ihre Rituale, wenn sie Krankheiten aus dem Körper der Patienten trieben.

Die Medizin, so viel kann man sicher sagen, war lange Zeit kaum mehr als ein ritualisierter Appell an die Selbstheilungskräfte. Ein Versuch, uns davon zu überzeugen, dass wir wieder gesund werden, wenn wir nur stark genug daran glauben.

Und wer würde das nicht tun, wenn der Medizinmann um einen tanzt und ein Gebräu mit psychoaktiven Substanzen anbietet, auf dass bald die heraufbeschworenen Geister und Dämonen erscheinen, die es dann mit viel Getöse auszutreiben gilt.

Solche Schamanen sind und waren keine unwissenden Trottel, es waren in der Tat weise Männer und Frauen, die sehr geschickt die stärkste Medizin zu verabreichen wussten, derer sie habhaft werden konnten: Zuwendung, Imagination und Glauben.

In der heutigen Welt der evidenzbasierten Medizin verzichten wir nur allzu oft auf dieses alte Wissen. Sicher wird man eine fulminante bakterielle Infektion oder ein malignes Lymphom nicht durch Handauflegen und Gesänge vertreiben, ebenso wenig eine KHK oder einen Typ-2-Diabetes.

Dennoch sollten wir nicht vergessen, wie wichtig die Vehikel und die Rituale sind, über die wir die Therapie verabreichen. Bei bestimmten Erkrankungen, bei denen wir recht wenig ausrichten können, ebenso bei Schmerzen und bei psychischen Störungen wirkt das Ritual oft besser als die eigentliche Therapie. Oftmals ist es einzig das Ritual, das wirkt. Und das sollten wir nutzen.

Wie das etwa in der Schmerztherapie funktionieren kann, lesen Sie exklusiv in der "Ärzte Zeitung" digital vom 22.10...

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[22.10.2013, 17:59:03]
Dr. Ulrich Paschen 
Wundermedizin
Definiert man ein Placebo als ein Mittel, das nicht wirkt, dann kann man nicht mehr von einem Placebo-Effekt sprechen! Gemeint ist ja wohl (und auch in diesem Leitartikel) der Suggestionseffekt, der bekanntermaßen ziemlich stark sein kann, aber immer auf Täuschung und Selbsttäuschung beruht.
Für die Selbstheilung braucht man weder Placebo noch Suggestion: eine Wunde heilt meist selbst, viele Krankheiten gehen ohne Therapie vorüber. Man sagt zwar: „das heilt von selber wieder“, aber „heilen“ ist immer transitiv das (wirksame) Eingreifen eines Arztes (oder meinetwegen allgemeiner: eines Heilers) - nicht reflexiv (sich heilen). Dann ist „Selbstheilung“ wieder so ein Wort, das es gar nicht geben sollte.
Wenn etwas geschieht, was gar nicht möglich ist, dann sprechen wir von einem Wunder. Und so sollten wir alle, die von solchen geheimnisvollen Kräften raunen, für Vertreter einer Wundermedizin ansehen. Wie definierte Kant noch mal den Aberglauben? An etwas zu glauben, von dem man weiß, dass es nicht möglich ist. Mancher mag gute Gründe dafür haben, von klarer Einsicht zeugt das nicht.
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[22.10.2013, 17:31:02]
Dipl.-Psych. Reinhard Bialucha 
Placebo ?
in der Tat geht es wohl eher um "Handbuchartiges" mit Evidenz und "lege artis" wie's gemacht wird, mit sozial-emotionalem Geschick, speziell bei Schmerz - im Beispiel "weinendes Kind" mit Lied singen und ein Pflaster aufkleben mit Dino. Placebo ist das jedenfalls nicht [exklusiv ein Effekt im Laborexperiment] JEROME FRANK hat bereits vor vielen Jahren dieses Thema aufgegriffen und führt vor, wie eine Behandlung wirksam wird bei "Die Heiler" . Expertentum fachlich und Persönliches menschlich sollte gepaart und glaubwürdig rüberkommen, und speziell SCHMERZ "abgekauft" werden. Die Disziplin welche dieses wissenschaftlich erforscht, heisst Klinische Psychologie, Medizinische Psychologie und auch Verhaltensmedizin.
Selbstheilung wird tatsächlich zunehmend nachgefragt ! ansonsten stellt sich die Frage, warum Schmerzmittel überhaupt noch zu einem Teil eine Wirkung entfalten können [nach ZIEGLGÄNSBERGER]
(der Autor: Klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Supervisor BDP, Verhaltenstherapeut DGVT, Klinische Hypnose ESH,Psychologische Schmerztherapie)
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[22.10.2013, 16:04:06]
Rudolf Hege 
Wie viel "EBM" ist letztlich auch Placebo?
Man darf sich auch ruhig fragen, wie viel EBM in der Praxis dann als Placebo wirkt. Das Antibiotika beispielsweise, das bei einem viralen Infekt verordnet wird - ein gern gegebenes Placebo, seit die Kassen Phytotherapeutika nicht mehr erstatten.

Die arthroskopische Knorpelglättung, die wohl auch hauptsächlich durch das Ritual wirkt.

Wer sich dem Thema: Was ermöglicht (Selbst-)Heilung unvoreingenommen nähert, wird viele Beispiele finden, wie auch "High-Tech"-Medizin letztlich primär als Ritual wirkt.

Menschen sind nun mal keine Maschinen, die einfachen Regeln folgen, sondern komplexe Subjekte, zumindest wenn man sie nicht nur symptomatisch reparieren, sondern (selbst-)heilen möchte, was nicht immer, aber oft möglich ist. Vielleicht sollte das die medizinische Wissenschaft einfach mal anerkennen, die Heilkunst aus der "Schmuddelecke" holen und dann sehen eher wo Wissenschaft und wo eher Kunst angezeigt ist.

Wenn wir es nicht schaffen, die Selbstheilung wieder ins Boot zu holen, wird uns die Reparaturmedizin schon aus Kostengründen bald um die Ohren fliegen. zum Beitrag »

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