Ärzte Zeitung, 04.12.2013

Flickenteppich der Versorgung

Deutschland und der Schmerz

Zwölf bis 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischem Schmerz. Bei Politikern ist das Problem angekommen. Doch viele gravierende Probleme bleiben.

Von Christoph Fuhr

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Autsch: Schmerzen plagen Millionen Menschen.

© Getty Images / iStockphoto

NEU-ISENBURG. Was ist eigentlich Schmerz? Die International Association for the Study of Pain (ASP) definiert diesen Begriff so: "Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird."

Wie viele Menschen in Deutschland an Schmerz leiden, ist nicht ganz einfach zu ermitteln. Das liegt, wie die Deutsche Schmerzliga erläutert, ganz einfach daran, dass es bis heute keine epidemiologischen Studien gibt, die wissenschaftlich gesicherte Aussagen liefern könnten.

Immerhin gibt es eine Vielzahl an internationalen Studien und Daten aus demoskopischen Umfragen, die konkrete Schätzungen ermöglichen. Danach leiden zwölf bis 15 Millionen Menschen in Deutschland an länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen.

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Vier bis fünf Millionen Bürger sind stark von Schmerzen beeinträchtigt, und längst nicht nur Erwachsene sind betroffen. Nach Zahlen der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden in Deutschland bis zu 350.000 Kinder und Jugendliche von acht bis 18 Jahren unter anhaltenden Schmerzen.

Kompliziert ist die Berechnung des volkswirtschaftlichen Schadens, der durch chronische Schmerzen verursacht wird. Die verfügbaren Angaben bewegen sich zwischen 20,5 und knapp 29 Milliarden Euro, bezogen auf Kosten für Behandlung, Medikamente und Rehabilitation sowie indirekte Kosten durch vorzeitige Verrentung oder Arbeitsunfähigkeit.

Einige Schätzungen beziffern die Schäden sogar auf bis zu 38 Milliarden Euro. Häufigste Ursache für chronische Schmerzen sind Erkrankungen des Bewegungsapparates, Gefäß- und Nervenleiden sowie Tumore.

Rückenschmerzen kommt dabei eine ganz besondere Bedeutung zu - eine Volkskrankheit von hoher epidemiologischer, medizinischer und gesundheitsökonomischer Bedeutung. Rückenbeschwerden haben einen erheblichen Einfluss auf Lebensqualität und Alltagstüchtigkeit und verursachen infolge enormer Arbeitsausfälle auch hohe Kosten.

Nach Angaben der Techniker Krankenkasse war im Jahr 2012 fast jeder zehnte krankheitsbedingte Fehltag auf Rückenbeschwerden zurückzuführen. 60 Prozent der Patienten mit Rückenschmerz gehen nach Daten der Schmerzliga vorzeitig in den Ruhestand, wenn sie länger als sechs Monate krank sind. Dieser Anteil erhöht sich nach einer einjährigen Arbeitsunfähigkeit auf 85 Prozent.

Nationale Gesamtstrategie

Die Deutsche Schmerzgesellschaft vermerkt durchaus positiv, dass in den vergangenen Jahren das Thema Schmerz und Schmerztherapie mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt und von der Politik dadurch auch stärker beachtet worden sei.

Zugleich bemängelt sie aber einen "Flickenteppich an Einzelmaßnahmen", der nicht ausreiche, um künftige Versorgungsprobleme adäquat zu lösen. Eine nationale Gesamtstrategie sei überfällig, fordert die Gesellschaft, und mahnt darüber hinaus auch den Aufbau der Versorgungsforschung an, etwa durch ein Deutsches Schmerzregister.

Schmerzmediziner haben längst Alarm geschlagen. Kern ihrer Kritik: Es gibt zu wenige Schmerztherapeuten, um den wachsenden Versorgungsbedarf zu decken. "Chronische Schmerzen brauchen mehr Beachtung, sonst laufen wir in eine Katastrophe", warnt der Präsident der Deutschen Schmerzliga, Professor Michael Überall.

Zwischen 1,2 und 1,8 Millionen Schmerzpatienten benötigen nach Berechnungen der Liga eine hoch spezialisierte Versorgung. Doch kaum mehr als 1000 Schmerztherapeuten sind gerüstet für diese Aufgabe. Nur etwa 400 von ihnen betreuen ausschließlich Schmerzpatienten, beklagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. Gerhard Müller-Schwefe.

Gebraucht werden aus seiner Sicht aber etwa 6000 Schmerzmediziner - eine krasse Unterversorgung, die auf Dauer fatale Folgen haben kann.

Eine vom Unternehmen Kantar Health im Auftrag der Initiative "Wege aus dem Schmerz" initiierte Befragung von 450 Allgemeinmedizinern, Anästhesisten und Orthopäden ergab, dass Ärzte vor allem Strukturdefizite als Ursache für die Versorgungslücken identifiziert haben.

SPD sieht Handlungsbedarf

So besteht offenbar ein großer Nachholbedarf bei der Koordination von Behandlungen zwischen einzelnen Fachdisziplinen. Zudem ist die Versorgungslandschaft mit Blick auf Behandlungsmöglichkeiten durch Spezialisten und in Schmerzzentren ungenügend entwickelt.

Die große Mehrheit der befragten Ärzte nennt vor allem diese beiden Punkte als Ursache, dass derzeit rund 40 Prozent aller Patienten mit chronischen Schmerzen gar nicht erst behandelt werden.

Die abgewählte schwarz-gelbe Bundesregierung hat vor einigen Monaten in einer umfassenden Bestandsaufnahme die Situation der Schmerzpatienten in Deutschland analysiert. Konkreter Anlass war eine Kleine Anfrage der SPD, die dringend Handlungsbedarf anmahnte.

"Chronischer Schmerz ist und bleibt ein primäres Volksleiden. Die Versorgung der Schmerzkranken muss ein zentrales politisches Anliegen der nächsten Bundesregierung werden", forderten die Sozialdemokraten.

Jetzt sitzen sie voraussichtlich mit im Regierungsboot und können von Berlin aus den Worten Taten folgen lassen. Immerhin ein konkreter Plan ist bereits gefasst: Die Koalitionsvereinbarungen mit der Union sehen die Aufnahme von Rückenleiden als Disease Management Programme vor.

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