Ärzte Zeitung, 11.03.2016

Nicht nur Wachstumsbeschwerden

Knieschmerzen bei Teenies ernst nehmen!

Klagen Jugendliche über Knieschmerzen, sollte man nicht davon ausgehen, dass diese sich "auswachsen". In einer Studie waren die Schmerzen bei jedem Zweiten noch nach zwei Jahren vorhanden.

Von Elke Oberhofer

Knieschmerzen bei Teenies ernst nehmen!

Vor allem patellofemorale Schmerzen sollte man bei Jugendlichen ernst nehmen, mahnen Forscher. Adam Gregor / fotolia.com

AALBORG. Auch bei Heranwachsenden empfiehlt es sich, Schmerzen im Knie ernst zu nehmen und diese nicht von vornherein als "Wachstumsschmerzen" abzutun, rät das Team um Michael S. Rathleff von der Uniklinik Aalborg in Dänemark.

Die Forscher hatten 504 Patienten im Alter zwischen 15 und 19 Jahren zwei Jahre lang - von 2011 bis 2013 - nachbeobachtet und festgestellt, dass bei 55,9 Prozent die Knieschmerzen danach immer noch vorhanden waren (Am J Sports Med 2016; online 20. Januar).

Im Vergleich zu primär schmerzfreien Jugendlichen war bei den bereits zu Studienbeginn symptomatischen Teilnehmern die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen 2013 das Knie wehtat, um den Faktor 4,51 erhöht.

Nach Bereinigung um die Faktoren Alter, Geschlecht und BMI blieb immer noch eine relative Risikoerhöhung von 4,47. Nur 12,8 Prozent der Jugendlichen ohne Knieschmerzen zu Studienbeginn wurde in den darauffolgenden zwei Jahren symptomatisch.

Bedenklich: Sport eingestellt

Nach Rathleff und Kollegen waren vor allem patellofemorale Schmerzen (PFS) hartnäckig. Solche hatte man zum Ausgangszeitpunkt bei 153 Patienten diagnostiziert. Das Chronifizierungsrisiko war bei diesem Schmerztyp um 26 Prozent höher als bei Knieschmerzen anderer Lokalisation.

Die mittlere Schmerzintensität lag bei den PFS-Patienten auf einer visuellen 100-mm-Analogskala um 13 mm höher als bei Patienten mit anderen Schmerztypen. Im Vergleich zur Gruppe ohne Schmerzen im Jahr 2011 betrug der Unterschied 26 mm. 33 Prozent der Teilnehmer, die 2013 unter PFS litten, hatten täglich Schmerzen, 22 Prozent mehrmals pro Woche. Bei den anderen Schmerztypen lagen die entsprechenden Anteile bei 24 beziehungsweise 13 Prozent.

Bedenklich im Hinblick auf die langfristige Entwicklung war, was die Forscher in einer Befragung zu Freizeitaktivitäten fanden: So hatten 71 Prozent der Jugendlichen mit primären PFS nach zwei Jahren ihre sportlichen Aktivitäten deutlich eingeschränkt oder gar komplett gestoppt.

Die Autoren befürchten, dass der damit überwiegend sitzende Lebensstil im Erwachsenenalter anhalten und gravierende Folgen für die Herz-Kreislauf-Gesundheit haben könnte.

Vor allem PFS sollte man bei Jugendlichen ernst nehmen, mahnen die Forscher. Charakteristisch für diesen Schmerztyp ist, dass die Beschwerden bei längerem Sitzen, beim Treppensteigen, Hocken oder Knien auftreten und dass die Patella empfindlich auf Berührung reagiert. Entgegen der weit verbreiteten Meinung handelt es sich nach Rathleff und Kollegen sehr oft nicht um selbstlimitierende Wachstumsbeschwerden. Als mögliche Ursachen gelte es insbesondere Meniskusverletzungen, Tendinopathien, eine Bursitis oder Apophysitis auszuschließen.

[12.03.2016, 22:06:00]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Mir ist jetzt nicht ganz klar geworden, gegen wen eigentlich diese "Forscher"
den mahnenden Finger erheben,
wenn sie selbst ratlos sind was eigentlich zu tun wäre :-) zum Beitrag »
[12.03.2016, 19:58:16]
Wolfgang Pokorski 
Was kann da Physiotherapie ausrichten?
Der Versuch einer Antwort auf die Frage von Dr. Zenner:

Zunächst sollte vermutlich unterschieden werden ob eine spezifische Schmerzursache vorliegt oder nicht. Das PFS sehe ich hierbei nicht als spezifische Läsion sondern als unspezifischen Schmerz, der etwas näher lokalisiert und beschrieben werden kann, quasi eine Subgruppe der unspezifischen Knieschmerzen.

Erste Frage die abzuklären gilt: Liegt ein Trauma vor? Nur dann bzw. wenn der Verdacht auf andere spezifische Erkrankungen vorliegt (z.B. M. Osgood-Schlatter als Beispiel für eine häufige spezifische Schmerzursache) ist initial ein bildgebendes Vorgehen sinnvoll. In der Regel wird aber ein rein klinisches Vorgehen ausreichend sein. Verschiedene Dinge sind in Betracht zu ziehen: Der allgemeine Aktivitätslevel, Veränderung dessen zu Beginn der Schmerzen, Wachstumsschub zum Zeitpunkt des Schmerzbeginns.

Nach meiner klinischen Beobachtung entstehen sehr viele Knieschmerzen bei Jugendlichen während oder im Anschluss an eine Wachstumsphase. Sehr oft sind sie mit mangelnder Koordination der Beinachsen verbunden, häufigster Koordinationsfehler ist eine Mischung aus Innenrotationsneigung der Hüften, Senkspreizfüße mit resultierender Valgisierenden Beinachse. In ausgeprägten Fällen liegen Dysplasieen der Patella vor. Ursache könnte hier die erhöhte Schwierigkeit, mit länger werdenden Hebeln eine geordnete Koordination der Beine zu gewährleisten, vereinfacht, das Wachstum ist schneller als Kraft und motorisches Lernen.

Bei sportlich eher inaktiven Jugendlichen ist eine Intervention, die schmerz adaptiertes Krafttraining mit Motivation zu aktiverem Lebensstil vielversprechend. Hier verbessert sich durch ein Gewinn an allgemeiner Fitness und Koordination auch zunehmend die Beinachsen.

Bei sportlich aktiven Jugendlichen oder gar Leistungssportlich aktiven Jugendlichen ist dies etwas komplexer zu sehen. Auch hier kommen wohl häufig Kraftelemente im Training zu kurz. Dies kann durch eine physiotherapeutische Behandlung nachgeholt und möglichst in Absprache mit den Trainern in den Trainingsalltag integriert werden. Was nicht immer ganz einfach ist. Zusätzlich ist aber ein gezieltes Beinachsentraining mit Feedback Elementen anzuraten, bspw. durch Korrekturspiegel oder Laserpointer in der Ausführung von Kniebeugen, Lunges, Step ups, Star Excusion Balance Test (als Übung), Sprüngen ein- und zweibeinig oder sportspezifischen Bewegungsabläufen.

Mit freundlichen Grüßen,

Wolfgang Pokorski zum Beitrag »
[11.03.2016, 12:52:19]
Dr. Ulrich Zenner 
Muskeltraining
Für mich als NICHT-Kniespezialist bleiben da doch einige Fragen offen:
- wenn vorher das PFS (spezifisch?) diagnostiziert wurde,
wie können hinterher "Meniskusverletzungen, Tendinopathien, eine Bursitis oder Apophysitis" noch vermutet werden?
- Sollte die Empfehlung lauten: PFS => MRT => ASK ?
- oder lieber Physiotherapie?
http://www.bmj.com//content/339/bmj.b4074
- ansonsten befindet sich auch die deutsche Jugend gerade in diesem Lebensalter in dem berühmten Robert-Koch-Instituts-Vitamin-D-Mangel-Loch
https://www.vitamindservice.de/node/828
Diagramm in Höhe 11:45
mit freundlichen Grüssen zum Beitrag »

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