Ärzte Zeitung, 05.04.2005

HINTERGRUND

Auch Kinder haben schon Migräne - aber oft sind die Attacken und Schmerzen anders als bei Erwachsenen

Das kleine Mädchen hat Kopfschmerzen. Wenn es plötzlich das Parfüm der Mutter nicht mehr riechen mag, kann es eine Migräne sein. Foto: DAK

Von Nicola Siegmund-Schultze

Etwa jeder zehnte Bundesbürger leidet unter Migräne: acht Prozent der Männer und zwölf Prozent der Frauen. Aber nur bei der Hälfte der Betroffenen wird die Diagnose gestellt.

    Erwachsene mit Migräne hatten oft schon als Kinder Attacken.
   

"Viele erwachsene Patienten berichten, daß sie schon in der Kindheit unter Migräne gelitten haben", so der Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Privatdozent Stefan Evers von der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Münster. Immerhin haben drei bis vier Prozent der Kinder Migräne.

Migräne oder Kopfschmerz? Das ist in der Praxis meist die Frage, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Eine fast hundertprozentige Klärung ist nur nach einer umfangreichen Diagnostik, die sich an den Kriterien der International Headache Society orientiert, möglich. Gute Hinweise können aber die Antworten auf einige wenige Fragen geben, sagte Evers bei einer Migräne-Konferenz in Mestre bei Venedig, die von der Menarini-Gruppe ausgerichtet wurde.

Spezifisch für Migräne ist eine Abscheu vor Gerüchen

Welche Fragen helfen bei Erwachsenen diagnostisch weiter? "Um Migräne von anderen Ursachen für Kopfschmerzen zu unterscheiden, sollten Sie nach Geruchsempfindlichkeit fragen", die Antwort hat eine Spezifität von 94 Prozent, "und nach der Aura, die mit einer Spezifität von 92 Prozent auf Migräne hinweist", erläuterte Evers.

Die Frage: "Sind Sie in den letzten drei Monaten durch den Schmerz in Ihren beruflichen oder Alltagsaktivitäten erheblich eingeschränkt gewesen?" hat eine Sensitivität für die Diagnose Migräne von 84 und eine Spezifität von 74 Prozent. Die Frage nach der Lichtempfindlichkeit liegt bei 75 Prozent - sowohl für Sensitivität als auch für Spezifität. Übelkeit während der Attacken weist mit einer Sensitivität von 60 und einer Spezifität von 81 Prozent auf Migräne hin.

"Sind die Patienten sehr beunruhigt und drängen auf eine Bildgebung, würde ich einmal ein MRT machen, aber nicht öfter", so der Neurologe. Dasselbe gelte für Kinder mit beunruhigten Eltern. Ein EEG bringe zur Abklärung der Migräne nichts.

Welche Besonderheiten gibt es bei Kindern mit Migräne? Bei ihnen stehen oft gastrointestinale Beschwerden im Vordergrund, wie Evers der "Ärzte Zeitung" sagte. Die Kinder hören meist auf zu spielen oder zu lernen, sie sind blaß und möchten sich hinlegen. Nach dem Schlaf wachen sie meist ohne Beschwerden wieder auf.

Auch bei den Schmerzen gibt es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Der pulsierende oder pochende Schmerz betrifft bei Kindern, anders als bei Erwachsenen, beide Kopfseiten und die Stirn. Die Attacken sind kürzer als bei Erwachsenen, dauern manchmal nur zwei Stunden oder noch weniger. Übelkeit und Erbrechen treten häufiger auf, oft sind auch Kinder lärm-, licht- und geruchsempfindlich. "Fragen Sie das Kind, ob es den Geruch im Schulbus plötzlich nicht ertragen kann oder das Parfüm der Mutter", rät Evers.

Manche Kinder haben Migräne in Form von regelmäßig auftretenden Schwindelattacken oder Übelkeit und Erbrechen (zyklisches Erbrechen) ohne Kopfschmerzen. Das sind Migräne-Vorstufen, aus denen sich nach der Pubertät meist Migräne entwickelt. Die Beschwerden sollten auf jeden Fall abgeklärt werden, um andere Ursachen auszuschließen.

Auch bei Kindern kann es kurz vor einer Attacke zu einer Aura kommen. Dazu gehören Flimmersehen oder Lichtblitze vor den Augen, Gefühlsstörungen in Händen und Armen oder Sprachstörungen.

Bei leichten bis mittelschweren Attacken hilft Kindern oft Ruhe

Kindern hilft bei leichter bis mittelschwerer Migräne meist schon Ruhe in einem abgedunkelten Raum, ein kalter Lappen auf die Stirn und Pfefferminzöl, das an Schläfe, Scheitel und Nacken leicht eingerieben wird. "Wir haben auch sehr gute Erfahrung mit psychoedukativen Verfahren gemacht, bei denen die Kinder Vorboten der Migräne erkennen lernen und sich rechtzeitig hinlegen", so Evers. Auch die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson lernten Kinder gut.

Wenn solche Therapien nicht ausreichen, empfiehlt die Fachgesellschaft bei Kindern Ibuprofen (10 mg/kg Körpergewicht) oder Paracetamol (15 mg/kg Körpergewicht) und, wenn das nicht hilft, ein Triptan als Nasenspray ab zwölf Jahren.

FAZIT

Jeder zehnte Mensch in der Bundesrepublik hat Migräne. Mit zwölf Prozent sind Frauen häufiger betroffen als Männer (acht Prozent). Von den Kindern sind bis zu vier Prozent betroffen. Viele Erwachsene berichten, daß sie schon als Kinder Attacken hatten. Um Migräne von anderen Kopfschmerzen, etwa Spannungskopfschmerz, zu unterscheiden, sind gezielte Fragen hilfreich. Erwachsene fragt man etwa nach Aura-Symptomen wie Sehstörungen sowie Lichtempfindlichkeit und Einschränkung der Alltagsaktivitäten durch Attacken. Bei Kindern sind gastrointestinale Symptome wie Übelkeit sowie Geruchsempfindlichkeit und beidseitige Kopfschmerzen häufig.

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