Ärzte Zeitung, 11.09.2007

Nitroglyzerin-Provokationstest klärt im Zweifel die Diagnose Migräne

Bei neurovaskulärem Kopfweh löst Nitroglyzerin sublingual die Beschwerden aus

BRÜSSEL (grue). Zur Migräne-Diagnose wünschen sich Ärzte einen zuverlässigen Biomarker. Zwar gibt es den noch nicht. Aber mit dem Nitroglyzerin-Provokationstest lassen sich immerhin neurovaskulär verursachte Kopfschmerzen relativ sicher nachweisen.

Einen Biomarker für Migräne gibt es bisher noch nicht. Mit Nitroglycerin sublingual lässt sich aber neurovaskulärer Kopfschmerz nachweisen. Foto: DAK

Für die Diagnose eines primären Kopfschmerzes (Migräne, Clusterkopfschmerz) in Abgrenzung zu sekundären Kopfschmerzen (etwa Trigeminusneuralgie, Analgetika-Kopfschmerz) wäre ein einfacher, im Blut zu bestimmender Biomarker sehr hilfreich. "Aber ein solcher Marker steht uns nicht zur Verfügung", sagte Dr. Christina Tasorelli von der Universität Padua in Italien. Zur Diagnostik geeignet ist aber der Nitroglyzerin-Provokationstest. Daten dazu hat die Neurologin beim Europäischen Neurologen-Kongress in Brüssel vorgestellt.

"Unsere Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass mit einem Nitroglyzerin-Provokationstest zuverlässig Patienten mit neurovaskulären Kopfschmerzen wie Migräne ohne Aura oder Clusterkopfschmerz erkannt werden," sagte Tasorelli. Die Gruppe ermittelte für diesen Test eine Sensitivität von 82 Prozent und eine Spezifität von 96 Prozent.

Nitroverbindungen, besonders Stickstoffmonoxid (NO), werden längst mit Kopfschmerzen in Verbindung gebracht. Seit langem ist etwa bekannt, dass das zur Sprengstoffproduktion verwendete Nitroglyzerin Kopfschmerzen auslöst.

Allerdings: NO-produzierende Enzyme können offenbar Migräne-Attacken lindern, berichtete Tasorelli. Deshalb ist der Stellenwert von NO als Biomarker für primäre Kopfschmerzen noch unklar.

Auch andere Substanzen, die aus Plasma oder Liquor von Migräne-Patienten isoliert werden können, werden auf potenzielle Biomarker-Qualität geprüft. Dazu gehören Neuropeptide, Opioide, Amine und Wachstumsfaktoren. Bei den Neuropeptiden korreliere nur das Calcitonin gene-related peptide (CGRP) mit der Schmerzintensität bei primärem Kopfschmerz. Und: Bei Patienten, die auf ein Triptan ansprechen, falle die im Jugularvenenblut gemessene CGRP-Konzentration ab. Und zwar parallel zum Rückgang der Schmerzen. Die anderen Substanzen erlaubten keine zuverlässigen Rückschlüsse darauf, ob ein Patient primäre oder sekundäre Kopfschmerzen hat.

STICHWORT

Provokations-Test

Nach Einnahme von 1 mg Nitroglyzerin sublingual lässt sich bei Patienten mit Migräne- oder Clusterkopfschmerz innerhalb von 30 bis 60 Minuten, zum Teil auch erst einige Stunden später, eine Kopfschmerz-Attacke auslösen. Der Test wird als positiv angesehen, wenn der Verlauf der induzierten Attacken dem Verlauf einer spontanen Attacke entspricht. 24 Stunden vor dem Test dürfen keine vasokonstriktorischen Substanzen eingenommen werden, und es darf keine medikamentöse Prophylaxe betrieben werden. (mut)

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