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Ärzte Zeitung, 15.04.2013

Schlafhormon zur Prophylaxe

Neue Optionen gegen Migräne

Neue Wege im Kampf gegen Kopfschmerzen: Mittels Nervenstimulation lassen sich Migräne-Attacken stoppen. Und eine Therapie mit Melatonin kann neue Attacken offenbar verhindern, hieß es auf dem weltweit größten Neurologenkongress.

Von Thomas Müller

Neue Optionen gegen Migräne

Migräne-Attacke: Es gibt neue Optionen zur Therapie und zur Attacken-Prophylaxe.

© Klaro

SAN DIEGO. Bei Patienten mit häufigen Migräneattacken werden zunehmend auch nicht-medikamentöse Verfahren geprüft, zum einen, weil mit Medikamenten alleine oft noch keine ausreichende Schmerzreduktion möglich ist, zum anderen, weil viele Patienten eine intensive medikamentöse Therapie scheuen.

Auf der Jahrestagung des US- amerikanischen Neurologenverbandes AAN in San Diego wurde nun eine Pilotstudie mit einem nicht-invasiven Neurostimulator vorgestellt.

Bei einer Migräneattacke halten sich die Patienten das handgroße Gerät an den Nacken in den Bereich des Vagusnervs und stimulieren ihn transkutan zweimal 90 Sekunden.

Es wird empfohlen, die Prozedur alle 15 Minuten zu wiederholen, bis der Schmerz nachlässt.

Einem Drittel hilft Vagusstimulation

Dieses Vorgehen haben Neurologen um Dr. Peter Goadsby von der Universität in San Francisco 30 Migränepatienten nahe gelegt. Sie sollten damit jeweils drei Attacken behandeln.

Das Ergebnis: Insgesamt benutzten die Patienten das Gerät bei 84 Attacken. Bei moderaten und schweren Attacken waren 22 Prozent der Patienten damit innerhalb von zwei Stunden schmerzfrei, bei leichten Attacken 38 Prozent.

Als Nebenwirkungen meldeten drei Patienten ein leichtes Jucken im Nacken, einer meinte, seine Stimme sei etwas rauer geworden.

Insgesamt, so Goadsby, sei die Methode gut vertragen worden. Kritisiert wurde allerdings von Kongressteilnehmern, dass die Erfolgsraten insgesamt doch recht gering waren.

Für den Neurologen aus San Francisco ist die Methode aber insofern interessant, da sie leicht anzuwenden, nicht invasiv und nicht medikamentös ist.

"Wenn man zumindest bei einem Teil der Patienten die Attacken stoppen kann, indem man für zwei Minuten das Gerät an den Nacken hält, dann ist das doch schon ein Erfolg", entgegnete Goadsby.

Er gab allerdings zu, dass man nun die Methode Placebo-kontrolliert prüfen müsse, indem man mit einem modifizierten Gerät eine Art Scheinstimulation ermöglicht.

Supraorbitale Stimulation

Eine solche Placebo-kontrollierte Studie ist vor Kurzem sogar veröffentlicht worden, allerdings wurde dabei nicht der Vagusnerv stimuliert, die Forscher um Dr. Jean Schoenen aus Liège in Belgien versuchten es mit einer supraorbitalen Stimulation, in diesem Fall zur Migräneprävention.

Die Teilnehmer der Studie klebten sich dabei eine Elektrode auf die Stirn und stimulierten täglich für 20 Minuten.

Dabei sank die Zahl der Kopfschmerztage in der Stimulationsgruppe von etwa sieben auf fünf pro Monat, in der Gruppe mit Scheinstimulation blieb sie konstant.

Eine mindestens 50%-ige Reduktion der Migräneattacken berichteten 38 Prozent mit Stimulation und nur 12 Prozent mit Scheinstimulation (Neurology 2013, online 6. Februar).

Melatonin besser als Amitriptylin

Über eine andere recht sanfte Methode haben brasilianische Forscher auf dem AAN-Kongress in San Diego berichtet. Sie haben in einer kontrollierten Studie Migränepatienten präventiv mit dem Schlafhormon Melatonin behandelt.

Die Idee dahinter: Migräneattacken treten nicht selten bei Schlafmangel auf, umgekehrt kann die Migräne einen erholsamen Schlaf verhindern. Wenn Melatonin den Schlaf verbessert, dann könnte sich dies günstig auf die Migräne auswirken.

Zudem werden dem Hormon entzündungshemmende und gefäßregenerierende Eigenschaften nachgesagt. Als aktive Kontrollgruppe in ihrer Studie wählte das Team um Dr. Mario Peres von der Universität in Sao Paulo Amitriptylin. Das Trizyklikum fördert ebenfalls den Schlaf und lindert Schmerzen.

Insgesamt nahmen knapp 180 Patienten mit im Schnitt knapp acht Kopfschmerztagen pro Monat teil.

Ein Drittel bekam Melatonin (3 mg / d), ein weiteres Drittel Amitriptylin (25 mg / d) und ein Drittel Placebo. Die Präparate wurden drei Monate lang ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen.

Die Ergebnisse: Mit Placebo sank die Zahl der Kopfschmerztage auf etwa 6,5 pro Monat, mit Amitriptylin auf knapp über fünf und mit Melatonin auf knapp unter fünf pro Monat. Die Ergebnisse waren im Vergleich zu Placebo signifikant.

Weniger Nebenwirkungen bei Melatonin

Noch deutlicher waren die Differenzen beim Anteil der Responder (mindestens 50% Reduktion der Attacken). Dieser Anteil lag mit Melatonin bei 54 Prozent, mit Amitriptylin bei 39 Prozent und mit Placebo bei 20 Prozent.

Dabei waren sowohl die Unterschiede zwischen Melatonin und Amitriptylin als auch zwischen Melatonin und Placebo statistisch signifikant.

Vorteile zeigte Melatonin auch bei den Nebenwirkungen: Außer einer leicht erhöhten Tagesmüdigkeit lagen diese auf Placeboniveau, während es unter Amitriptylin zu den bekannten Effekten wie starke Tagesmüdigkeit, Benommenheit oder Mundtrockenheit kam.

Ein weiterer positiver Effekt der Melatonintherapie: Die Teilnehmer verloren etwas an Gewicht, während sie unter Amitriptylin einige Kilos zunahmen.

Peres erwähnte allerdings auch, dass ältere und oftmals kleinere Studien keine signifikanten Effekte von Melatonin zur Migräneprävention gezeigt hätten.

Dies könne zum einen daran liegen, dass dabei Retardformulierungen verwendet worden waren. Wichtig seien vermutlich hohe Plasmaspitzen, die man mit solchen Präparaten nicht erreiche.

Zudem seien in einigen der früheren Studien Ansprechraten mit Placebo von 40 Prozent erzielt worden, was das Ergebnis verzerrt haben könnte. Für Peres ist es jedenfalls einen Versuch wert, mit einer simplen Melatonintherapie Migräneattacken vorzubeugen.

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