Ärzte Zeitung, 08.04.2004

Ausgefeiltes Muskeltraining macht den Rücken wieder fit

Analysegestützte Medizinische Trainingstherapie ist besonders individuell / Psychosomatische Anteile bei Schmerzentstehung werden berücksichtigt

KÖLN. Chronische Rückenschmerzen werden oft durch Muskelverkürzungen und -verspannungen verursacht oder gefördert. Muskeltraining ist hier bekanntlich ein wirksamer Therapieansatz, den Kollegen vielen Betroffenen empfehlen können. Um schnell einen größtmöglichen Therapieeffekt zu erzielen, der den Arzneibedarf senken und die Patienten motivieren kann, haben Forscher ein besonderes Konzept entwickelt: Die Analysegestützte Medizinische Trainingstherapie für die Wirbelsäule.

Bevor das Aufbautraining nach dem FPZ-Konzept beginnen kann, wird bei einer Patientin an einem speziell ausgerüsteten Trainingsgerät gemessen, welche Maximalkraft sie mit ihrer Rückenstreck-Muskulatur erzeugen kann. Fotos (2): FPZ

Von Sarah Louise Pampel

Das Diagnose- und Trainingskonzept entstand zu Beginn der 90 Jahre unter Federführung des Forschungs- und Präventionszentrums zur Analyse und Optimierung der Funktion von Wirbelsäule und Bewegungsapparat - kurz FPZ - in Köln. Was diese Trainingstherapie leisten kann, wurde etwa in einer Untersuchung geprüft, in der mehr als 450 Rückenschmerz-Patienten 24 Trainingseinheiten durchlaufen hatten. Die Schmerzen hatten bei mehr als 80 Prozent der Teilnehmer zumindest deutlich abgenommen, 41 Prozent wurden schmerzfrei, der Medikamentengebrauch nahm um 43 Prozent ab, wie das FPZ mitgeteilt hat.

    Eine Patientin trainiert zur Prävention von Rückenschmerz die Fähigkeit, einzelne Muskelgruppen zu koordinieren. Die Übungen in dem Spezialgerät überwacht der Sportlehrer Björn Hellriegel.
  • Was hebt dieses Trainingskonzept vom Gewichtestemmen in herkömmlichen Fitneßstudios ab?

    Als einige wesentliche Besonderheiten des FPZ-Konzeptes nennt der Diplom-Sportpädagoge und Leiter des FPZ Qualitätsmanagements Dr. Frank Schifferdecker-Hoch:

    • Vor Trainingsbeginn kann über spezielle Fragebögen eine vorhandene psychische Komponente bei der Schmerzentstehung erkannt und daraufhin weiter abgeklärt werden.
    • Das Konzept profitiert von mehr als einem Jahrzehnt Forschungstätigkeit, bei der etwa Methoden zur individuellen Messung von muskulären Defiziten entwickelt worden sind.
    • Die Patienten werden beim Training sehr intensiv betreut,
    • und ihre Trainingsfortschritte werden besonders detailliert aufgezeichnet und somit sehr anschaulich.
  • Wie ist dieses Diagnose- und Trainingsprogramm im Einzelnen aufgebaut?

Der erste Schritt ist eine Eignungsuntersuchung, die auch Hausärzte vornehmen und, so das FPZ, unter bestimmten Bedingungen nach GOÄ abrechnen können. Hier wird die Indikation für die medizinische Trainingstherapie gestellt. Kontaindikationen seien etwa frische Operationen am Rumpf oder neurologische Ausfälle, so Schifferdecker-Hoch zur "Ärzte Zeitung". Auch ein Größenlimit von 1,50 m gebe es, da kleinere Menschen an den Geräten nicht optimal trainieren können. Eine Altersgrenze gibt es nicht: "Unser ältester Patient ist 93 Jahre alt." Eine Übersicht zu Indikationen und Kontraindikationen und ein Formblatt für die Eignungstests bietet das FPZ im Internet zum Herunterladen an.

Wird die Indikation zum Training gestellt, kann das dreigeteilte Programm des FPZ-Konzepts starten: 90 Minuten Analyse, Aufbautraining, weiterführende Prävention.

In der Analyse werden Defizite der einzelnen Wirbelsäule-stabilisierenden Muskelgruppen eruiert, also ob und wie stark Muskeln und Sehnen verkürzt oder überdehnt sind, ob es Dysbalancen gibt und welche Maximalkraft erzeugt werden kann. Dazu machen die Patienten Tests an bis zu sechs verschiedenen speziellen Trainingsgeräten. Eine Spezial-Software vergleicht die gemessenen Daten mit Referenzdaten von tausenden gleichaltriger beschwerdefreier Personen.

"So wird festgestellt, wo Stärken und Schwächen der Patienten liegen", so Schifferdecker-Hoch. Zudem füllen die Patienten spezielle Fragebögen aus, um psychosomatische Aspekte bei der Schmerzentstehung zu erkennen. Denn: "Überschreiten die Punktwerte für Angst, Hoffnungslosigkeit und Depressivität eine bestimmte Grenze, kann eine physische Therapie allein nicht mehr helfen", so der Sportpädagoge. Den Betroffenen werde zusätzlich zum Training eine psychotherapeutische Abklärung empfohlen.

  • Wie oft und mit welcher Betreuung wird nach dem FPZ-Konzept trainiert?

Je nach Schweregrad der Muskel-Defizite gibt es ein Aufbautraining mit zehn, oder eines mit 24 einstündigen Trainingseinheiten. Meist wird zweimal pro Woche unter regelmäßiger Erfolgskontrolle trainiert. Außer Kraftübungen an den Geräten gehören auch solche zur Muskeldehnung, zur Wirbelsäulenentlastung und Entspannung dazu. Bei alledem werden die Patienten intensiv betreut, wie Schieferdecker-Hoch sagte.

Es "wurschtelt nicht jeder vor sich hin", sondern es sei immer jemand da, der motiviert, kontrolliert und den Trainingseffekt dokumentiert. Betreuer ist ein Krankengymnast oder Diplom-Sportlehrer pro drei Patienten oder, etwa bei sehr starken Rückenschmerzen, auch im Verhältnis eins zu eins. Die Betreuer haben eine Spezialausbildung der Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin durchlaufen.

Zum Teil ist in den Therapiezentren auch ein speziell ausgebildeter Arzt als leitender Kooperationsmediziner anwesend. Sind die für den jeweiligen Patienten angestrebten Ziele bei Kraft und Beweglichkeit erreicht, können Patienten nach der Aufbauphase ein weniger intensives Präventionstraining anschließen.

Einen Leitfaden für Mediziner mit Infos zum FPZ-Konzept, Indikationen und einen Vordruck für die Eignungsuntersuchung gibt es unter http://www.fpz.de/media/b_03_01_leitfaden_mediziner.pdf Weitere Infos beim FPZ in Köln unter Tel.: 02 21 / 58 98 07 70

STICHWORT

FPZ

Das Forschungs- und Präventionszentrum zur Analyse und Optimierung der Funktion von Wirbelsäule und Bewegungsapparat (FPZ) wurde im Herbst 1993 gegründet. Stammsitz der FPZ GmbH ist Köln.

Trainingseinrichtungen, die das FPZ-Konzept der Analysegstützten Medizinischen Trainigstherapie anwenden möchten, müssen den Anforderungen eines FPZ-Kriterienkataloges genügen, der etwa Grundfläche der Räumlichkeiten und Ausbildung des Personals berücksichtigt. Die speziellen Trainingsgeräte sind im Handel erhältlich.

Mittlerweile gibt es 92 selbständige Therapiezentren in Deutschland, acht Einrichtungen im europäischen Ausland und eines in Seoul in Südkorea, die der sogenannten FPZ-Gruppe angehören.

Das Know How zum FPZ-Konzept wird in regelmäßigen Veranstaltungen - Schwerpunkt dafür ist die FPZ-Akademie in Köln - weitergegeben und aufgefrischt. Ärzte können sich in einer speziellen Fortbildung der Internationalen Gesellschaft für orthopädische Schmerztherapie (IGOST) zum leitenden Kooperationsmediziner nach dem FPZ-Konzept ausbilden lassen. Für Krankengymnasten und Sportlehrer, die mit dem FPZ-Konzept arbeiten wollen, ist eine Spezialausbildung der Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin (DGMM) Pflicht. (slp)

Weitere Informationen zur Internationalen Gesellschaft für orthopädische Schmerztherapie unter http://www.igost.de, zur Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin unter http://www.dgmm.de und zum FPZ sowie zu FPZ-Trainingszentren in Ihrer Nähe unter http://www.fpz.de


Kostenübernahme

Die Kosten des Aufbautrainings der Analysegestützten Medizinischen Trainingstherapie des FPZ werden nach Angaben des Sportpädagogen und Leiters des FPZ Qualitätsmanagements sowie der FPZ- Akademie in Köln - Dr. Frank Schifferdecker-Hoch - unter bestimmten Voraussetzungen bis zu einer Dauer von drei Monaten als ärztliche Leistung von einigen privaten Krankenversicherungen nach GOÄ vollständig erstattet (Eingangstests Analog-Nr. 842, pro Sitzung je nach Übungen Analog-Nr. 846, 558 oder 506). Bei vielen gesetzlichen Krankenkassen gebe es eine erfolgsabhängige Teilrückerstattung, etwa bei den meisten Betriebskrankenkassen. Grundsätzlich gilt es jedoch, die Kostenübernahme und deren Voraussetzungen vorab individuell mit der jeweiligen Krankenkasse zu klären. Für Selbstzahlende Patienten werden für die Analyse beim FPZ 128 Euro fällig, für jede einstündige Therapieeinheit mit einem Betreuer pro drei Patienten noch einmal 30 Euro für jede Person. (slp)

Infos zur Abrechnung der medizinischen Trainingstherapie gibt es im Web bei der Bundesärztekammer: http://www.bundesaerztekammer.de/ mit dem Suchbegriff "medizinische Trainingstherapie"


Bundesweite Aktion zu Rückenschmerzen

Unter dem Motto "Deutschland den Rücken stärken" gibt es im Mai eine Aktion, die mit Veranstaltungen in vielen deutschen Städten die Bevölkerung für das Thema Rücken sensibilisieren soll. Die Aktion wird veranstaltet vom Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie (BVO), dem Forschungs- und Präventionszentrum (FPZ) in Köln sowie der Aktion Gesunder Rücken (AGR) und der Deutsche Krankenversicherungs AG (DKV), teilt das FPZ mit.

Die Aktion startet am 8. Mai in Köln im Deutschen Sport- und Olympiamuseum. Dort wird es ein messeähnliches Infoangebot etwa zu typischen Rückenbeschwerden sowie zur Prävention und Therapie geben, dabei die Präsentation eines Videos einer Rücken-Op. Am darauffolgenden Wochenende, vor allem am 15. Mai, gibt es ein ähnliches Programm gleichzeitig in etwa 30 deutschen Städten.

Infos zu Aktion und Veranstaltungsorten unter: www.agr-ev.de

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