Ärzte Zeitung, 07.12.2005

Interspinöses Implantat entlastet Zwischenwirbelgelenke

Wenig invasive Alternative zu traditionellen Bandscheibeneingriffen / Dekompression des Spinalkanals

BERLIN (gvg). Läßt sich chronischer Rückenschmerz vermindern, wenn benachbarte Wirbel am Dornfortsatz miteinander verbunden werden? Einige Ärzte sind davon überzeugt und propagieren interspinöse Implantate als wenig invasive Alternative zu traditionellen Bandscheibeneingriffen.

Interspinöse Implantate gibt es aus unterschiedlichen Materialien. Sie festigen und strecken einen Wirbelsäulenabschnitt, indem sie die beiden operativ problemlos erreichbaren Dornfortsätze zweier Nachbarwirbel miteinander verbinden. "Dadurch kommt es zu einer indirekten Dekompression des Spinalkanals", sagte Dr. Norbert Schippers vom Johanna-Etienne-Krankenhaus Neuss.

Das Prinzip: Die auf Bandscheiben und Facettengelenke einwirkenden, axialen Kräfte werden durch das Implantat teilweise über die Dornfortsätze umgeleitet.

    Die Dornfortsätze zweier Nachbarwirbel werden verbunden.
   

Durch das Implantat wird das Wirbelkörpersegment außerdem "auseinander gedrückt" (distrahiert), was den Spinalkanal um etwa ein Fünftel und die Nervenaustrittslöcher um etwa ein Drittel erweitere, so Schippers auf dem 1. Gemeinsamen Kongreß der Orthopäden und Unfallchirurgen in Berlin.

In der Kernspintomografie könne bei einigen Patienten eine Aufhellung der lädierten Bandscheibe beobachtet werden, was auf eine Erholung hindeute.

Viele Studien zu dem neuen Implantat gibt es allerdings noch nicht. In Neuss werde das Verfahren vor allem bei der dynamischen Spinalkanalstenose eingesetzt, bei der die von der Bandscheibe verursachten Beschwerden lageabhängig sind und bevorzugt im Gehen und Stehen, weniger im Sitzen auftreten.

Schippers berichtete von einem 65jährigen Patienten mit schmerzbedingter Minderung der Gehstrecke auf 100 Meter. In der Myelografie konnte ein für die dynamische Spinalkanalstenose typisches Sistieren des Liquorflusses bei Reklination der Wirbelsäule dokumentiert werden. Nach Einsetzen des interspinösen Implantats blieb ein diskreter Rückenschmerz bestehen. Die Einschränkungen bei der Gehstrecke aber waren weg.

Vorteile des Verfahrens sieht Schippers unter anderem in der relativ risikoarmen und technisch einfachen Operation, die ohne Eröffnung des Spinalkanals auskommt. Auch sei der Eingriff reversibel und lasse Raum für andere Verfahren.

Nachteile seien der hohe Preis der Implantate und das Fehlen von Langzeiterfahrungen. Kritiker weisen außerdem darauf hin, daß die Auswirkungen der unphysiologischen Belastung der Dornfortsätze noch unerforscht seien.

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