Ärzte Zeitung, 16.12.2005

Test deckt Risiko für rezidivierenden Rückenschmerz auf

Persönliches Risikoprofil von Menschen mit akuten Rückenschmerzen wird erstellt / Empfehlungen für Sport und Verhaltensänderungen

GÜTERSLOH (grue). "Haben Sie heute Rückenschmerzen?" - Darauf antworten vier von zehn Deutschen mit ja, egal, wo und wann sie danach gefragt werden. Aber warum war die Prävalenz in Ostdeutschland vor der Wende niedriger als jetzt? Warum sind Rückenschmerzen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten seltener als in guten? Und warum haben die Briten so wenig Probleme mit ihrem Rücken?

Professor Heiner Raspe: Rückenschmerzen sind der dritthäufigste Grund, einen Hausarzt aufzusuchen. Foto: di

Professor Heiner Raspe von der Universitätsklinik Lübeck hat sich im Zusammenhang mit einem von der Bertelsmann Stiftung geförderten Projekt mit dem Thema Rückenschmerzen näher befaßt.

Sein Fazit: Bei akuten unspezifischen Rückenschmerzen handelt es sich zum Teil um eine "übertragbare Störung" - angelehnt an das englische "communicable disease". Dieser Überlegung folgend, müßte sich allein durch geeignete Kommunikation das Problem Rückenschmerzen relativieren.

Schmerzen klingen meist in vier bis sechs Wochen ab

"Patienten mit leichten vorübergehenden Rückenschmerzen ohne weitere Beeinträchtigung sollte vermittelt werden, daß es sich in der Regel nur um eine harmlose Befindlichkeitsstörung handelt", sagte Raspe. Denn: 80 bis 90 Prozent aller Rückenschmerzen klingen innerhalb von vier bis sechs Wochen ab - mit oder ohne Behandlung.

Dennoch sind Rückenschmerzen der dritthäufigste Grund, einen Hausarzt aufzusuchen, und sogar der häufigste Anlaß für Reha-Maßnahmen.

Auf der Basis einer Langzeituntersuchung von 323 Rückenschmerz-Patienten stufte Raspe 43 Prozent der Befragten aufgrund ihrer Angaben zu Schwere, Dauer und Therapie der Beschwerden als leicht betroffen ein. "Wir brauchen also für einen relativ großen Kreis von Menschen Präventionsstrategien, die einen pessimistischen, von Furcht geprägten Umgang mit Rückenschmerzen verhindern".

Um genau diese Zielgruppe zu erreichen, haben die Lübecker einen zweistufigen Rückentest entwickelt, der seit Anfang Dezember im Internet abrufbar ist und bereits über 1000mal genutzt wurde.

Mit dem Test werden zunächst anhand weniger Fragen Menschen mit aktuellen leichten Rückenschmerzen identifiziert. Sie machen dann Angaben zu ihrem persönlichen Risikoprofil, etwa zu Rückenschmerz-Episoden in der Vergangenheit. Die Risiko- und Schutzfaktoren addieren sich zu einem Punktwert zwischen 0 und 26 mit Unterteilung in ein niedriges, mittleres und hohes Risiko für künftige Rückenprobleme.

Abschließend gibt es Empfehlungen, wie das persönliche Risiko durch Verhalten und Sport geändert werden kann. Bei höherem Risiko wird auf spezielle Bewegungsprogramme hingewiesen, nicht aber auf klassische Rückenschulen, die als überholt gelten.

Mit Hilfe des Rückentests werden nach Angaben des Lübecker Kollegen wei Ziele verfolgt: Es sollen die richtigen Adressaten für eine niederschwellige Prävention gefunden und dazu beigetragen werden, leichten Rückenschmerz den Status einer Krankheit zu nehmen.

Daß mit einfachen Aufklärungsbotschaften eine deutliche Änderung in der Wahrnehmung von Rückenschmerzen erreicht werden kann, ist in einer Studie zur betrieblichen Prävention gezeigt worden. Denn: Nach der Intervention gingen die rückenschmerzbedingten Krankschreibungen um 60 Prozent zurück.

Weitere Informationen zum Thema Rückenschmerzen sowie den Rückentest gibt es im Internet unter der Adresse www.rueckentest.de

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