Ärzte Zeitung, 15.03.2011

Bei Rückenschmerz ist Teamwork angesagt

Haus- und Fachärzte sind vielerorts an Aktionen zum diesjährigen "Tag der Rückengesundheit" beteiligt. Sie können sich seit Kurzem auf die neue Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz stützen. Ein Mainzer Schmerztherapeut fordert seine Kollegen zu mehr Teamarbeit auf.

Von Thomas Meißner

Bei Rückenschmerz ist Teamwork angesagt

Mann mit Rückenschmerzen.

© Monkeybusiness I./ panthermedia

NEU-ISENBURG. Mit dem Motto "Der Rücken beginnt im Kopf" meinen die Organisatoren des Aktionstages "Tag der Rückengesundheit" nicht nur, dass psychosoziale Faktoren häufig ihr Scherflein zu den Beschwerden beitragen. Rückengerechtes Verhalten beginnt auch im Kopf.

Menschen aktivieren, möglichst bevor der Schmerz (wieder) kommt, ist das Ziel der Initiative Aktion Gesunder Rücken e.V. (AGR), des Bundesverbandes der deutschen Rückenschulen (BdR) sowie weiterer Organisatoren und Verbände. Sie stellen Plakate und Broschüren zur Verfügung, mit denen auch in Arztpraxen Orientierung im medialen Informationsdschungel gegeben werden kann.

Denn nicht alles, was Rückenschmerzpatienten an Informationen geboten wird, ist gut und richtig. "Der Rat des Arztes, der seinen Patienten kennt, ist nach wie vor gefragt", betont deshalb auch Professor Hans-Raimund Casser vom DRK-Schmerzzentrum in Mainz.

Leitlinienversion für Patienten ist in Arbeit

Casser verweist zudem auf Instrumente, die die Diagnostik und Therapie von Rückenschmerzpatienten im Alltag erleichtern. So ist die im Herbst 2010 verabschiedete Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz nicht nur als knapp 200 Seiten starke Langfassung verfügbar - ein Nachschlagewerk für jene, die es genau wissen wollen, sondern auch als Kurzfassung mit 64 Seiten sowie einer Kitteltaschenversion. In Kürze wird eine Patientenversion folgen.

Den Patienten in der Praxis diese Patientenversion zur Verfügung zu stellen, hat nach Meinung des Schmerzspezialisten drei Vorteile: Zum einen versorgt man sie mit einer gewissen Grundinformation, zum anderen spart man Beratungszeit.

Allerdings reiche es nicht, den Patienten ein paar Broschüren oder Flyer in die Hand zu drücken, sagt Casser. "Das muss erläutert und das für den jeweiligen Patienten Relevante herausgestellt werden!" Drittens schließlich ist eine Versorgungsleitlinie, die von allen maßgeblichen Fachorganisationen abgesegnet worden ist, eine gute Argumentationshilfe, wenn vom Patienten gewünschte Behandlungen abgelehnt werden müssen.

Casser: "Man muss den Patienten ja häufig sagen: Diese oder jene Therapie gefällt Ihnen zwar gut, aber sie nützt Ihnen nicht nachhaltig. Deshalb bezahlt das die Kasse auch nicht."

Casser räumt ein, dass das in der Leitlinie propagierte Konzept der multidisziplinären Diagnostik und multimodalen Therapie bei Rückenschmerzen flächendeckend noch nicht umsetzbar sei, sondern vorerst nur in Zentren. Insofern ist das Papier auch eine Zielvorgabe für die gesundheitspolitischen Akteure.

Der Mainzer Schmerzexperte fordert seine Kollegen jedoch auf, sich aus eigener Initiative zusammen zu tun und in Teams zu arbeiten. Es müsse vermieden werden, dass monatelang frustrane Therapieversuche stattfinden, bevor die Frage auftaucht: Wieso klappt das eigentlich nicht? Psychosoziale Kofaktoren des Rückenschmerzes wie private oder berufliche Stresssituationen und Kränkungserlebnisse würden noch zu oft ausgeblendet und erfahrungsgemäß vom Patienten meist nicht als Allererstes zur Sprache gebracht.

Hilfreich sind Fragebögen als Screening-Instrument

Empfehlenswert ist es daher, von Anfang an etwa Kurzfragebögen als Screening-Instrument einzusetzen, zum Beispiel den Heidelberger Kurzfragebogen Rückenschmerz der orthopädischen Schmerzgesellschaft IGOST.

 Zehn Fragen kann der Patient dort mit Kreuzchen beantworten. Daraus und aus dem folgenden Gespräch ergeben sich gegebenenfalls Hinweise auf Risikofaktoren, in der Leitlinie als "yellow flags" bezeichnet, die womöglich eine erweiterte Diagnostik in einem interdisziplinären Schmerzzentrum erfordern. Der Primärarzt müsse diese Anlaufstellen kennen und bereit sein, die Patienten dorthin zu schicken, meint Casser.

Zugleich habe sich in Pilotprojekten mit Beteiligung der Krankenkassen gezeigt, dass mit dem Setzen finanzieller Anreize traditionelle Behandlungspfade verlassen werden können und interdisziplinäre Versorgungsmodelle umsetzbar sind.

Und das mit Kostenvorteilen für die Krankenkassen. "Über die Möglichkeiten der integrierten Versorgung und den heutigen Kooperationsmöglichkeiten zwischen Ärzten, Psycho- und Physiotherapeuten können wir es durchaus schaffen, dass in Teams zusammengearbeitet wird. Das würde einen großen Schritt in die richtige Richtung bedeuten."

Unter www.ruecken-tag.de kann das "Rückenschmerzpaket 2011" mit Flyern, Plakaten, Broschüren und Zeitschriften mit Patienteninformationen bestellt werden.

Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz

Die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz ist Ende September 2010 verabschiedet worden. Eine Kurzfassung (64 Seiten) sowie eine Kitteltaschenversion stehen seit Anfang dieses Jahres zur Verfügung. Die Empfehlungen beschränkten sich auf Patienten mit nicht spezifischen Rückenschmerzen.

In der Diagnostik sollen abwendbar gefährliche Verläufe ("red flags") sowie Warnhinweise für das Vorliegen psychischer, beruflicher oder iatrogener Risikofaktoren ("yellow flags") aktiv erfasst werden.

Ziele sind unter anderem, Chronifizierungen vorzubeugen sowie diagnostische Maßnahmen ohne Konsequenzen und eine iatrogene Fixierung der Patienten zu vermeiden. Wesentlicher Eckpfeiler der Therapie ist es, die Betroffenen zu aktivieren. Empfohlene sowie nicht empfohlene Diagnose- und Therapiemaßnahmen sind in dem Papier aufgelistet, mit Empfehlungsgraden gekennzeichnet und mit Kommentaren versehen.

www.kreuzschmerz.versorgungsleitlinien.de

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