Ärzte Zeitung, 25.11.2005

Zehn Millionen Hausarztbesuche wegen Gelenkschmerzen

Erste Ergebnisse der Herner Arthrose-Studie / Nur jeder dritte Patient mit Gelenkbeschwerden wird medikamentös behandelt

BERLIN (gvg). Die gängigen Schätzungen zur Häufigkeit von Arthrose in Deutschland müssen wohl nach oben korrigiert werden. Fünf Millionen Betroffene hat zum Beispiel die von Ärzten mehrerer Fachrichtungen getragene Arthrose-Initiative "Stark gegen den Schmerz" bisher als Richtwert für Deutschland angegeben. Es ist aber abzusehen, daß diese Zahl zu niedrig liegt.

Der Gelenkspalt ist verschmälert - ein typischer Befund bei Kniegelenks-Arthrose. Foto: Universität Ancona

Dies lassen die ersten Ergebnisse der Herner Arthrose-Studie (HER-AS) vermuten, wie der Vorsitzende der Initiative, Professor Josef Zacher vom Helios-Klinikum Berlin-Buch, berichtet hat.

Wie bereits berichtet, geben in der weitgehend bevölkerungsrepräsentativen Befragung unter 8000 Herner Bürgern über 40 Jahren mehr als die Hälfte an, am Befragungstag Schmerzen in Arm- oder Beingelenken gehabt zu haben. Nach Aussage der verantwortlichen Versorgungsforscher um Professor Ludger Pientka vom Marienhospital der Ruhr-Universität Bochum in Herne sind es selbst in der Gruppe der 40- bis 49jährigen zwei von fünf.

Zweite Studienphase liefert endgültige Aussagen

Endgültige Aussagen zur Häufigkeit der Arthrose lassen sich daraus zwar noch nicht ableiten. Die wird es erst geben, wenn der zweite Teil der Studie abgeschlossen ist, der gerade läuft. Alle Befragten, die über Hüft- oder Kniebeschwerden berichtet haben, werden dabei jeweils eineinhalb Stunden lang klinisch-orthopädisch untersucht und befragt. Aber selbst, wenn nur die Hälfte dieser Menschen tatsächlich eine Arthrose hätte, könnte die Zahl von fünf Millionen Arthrose-Betroffenen in Deutschland verdoppelt werden.

36 Prozent der Befragten, also mehr als die Hälfte aller, die Schmerzen angaben, macht in erster Linie das Knie zu schaffen, wie in Berlin bei einer Veranstaltung der von MSD unterstützten Initiative "Stark gegen den Schmerz" berichtet worden ist. Jeder Dritte in dieser Gruppe fühlt sich zum Beispiel beim Einkaufen stark oder sehr stark beeinträchtigt. Jeder Fünfte berichtet von einer starken Beeinträchtigung bereits bei leichter Hausarbeit. Es handelt sich also um ein Problem mit erheblicher Relevanz für den Alltag.

Nur jeder Dritte geht wegen seiner Beschwerden zum Arzt

Das ist die subjektive Seite. Die Wissenschaftler haben aber auch "harte" Versorgungsdaten abgefragt: Wie oft gehen Sie wegen Ihrer Gelenkbeschwerden zum Arzt? Wie werden Sie therapiert? Auch hier gab es interessante Ergebnisse. So war nur jeder dritte, der in der Befragung Schmerzen angab, deswegen im Jahr zuvor wenigstens einmal beim Arzt.

Diejenigen, die zum Arzt gehen, tun das im Mittel drei- bis viermal im Jahr. "Hochgerechnet auf Deutschland ergibt das zehn Millionen Hausarzt-Besuche wegen Gelenkbeschwerden pro Jahr", so Dr. Ulrich Thiem, ebenfalls vom Marienhospital in Herne.

Würden pro Quartal pro Patient 50 Euro Arztkosten angenommen, dann kosten Gelenkbeschwerden das Gesundheitssystem allein im niedergelassenen Bereich pro Jahr rund eine halbe Milliarde Euro, wie Thiem in Berlin vorrechnete.

Im stationären Bereich biete sich ein ähnliches Bild: Nach den Ergebnissen der HER-AS-Umfrage war jeder zwanzigste wegen Gelenkbeschwerden im Jahr vor der Befragung in stationärer Behandlung, was sich in eine Milliarde Euro direkter Kosten für den Klinikaufenthalt umrechnen lasse, so Thiem. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind Medikamente, Sonderentgelte für Operationen und indirekte Kosten, etwa durch Arbeitsausfall.

Wie werden Patienten mit Gelenkbeschwerden in Deutschland behandelt?

Überwiegend gar nicht! Passend zur niedrigen Quote an Arztbesuchen erhält nur jeder dritte, der Schmerzen angibt, auch eine medikamentöse Behandlung. Bei der Physiotherapie sieht es ähnlich aus: Nur jeder vierte, der über Schmerzen klagte, wurde in den zwölf Monaten zuvor physiotherapeutisch behandelt.

Das allein reiche allerdings nicht aus, um eine Unterversorgung zu proklamieren, so Thiem. Erst zusammen mit der Schmerzintensität wird sichtbar, daß tatsächlich ein Problem vorliegt. So gab in der HER-AS-Studie immerhin jeder fünfte Schmerzgeplagte, der keine Behandlung erhält, starke oder sehr starke Beschwerden an.

An dieser Stelle will die von MSD unterstützte Initiative "Stark gegen den Schmerz" ansetzen. Anhand der erhobenen Daten über die Versorgungssituation sollen sowohl Ärzte wie Betroffene ermutigt werden, Gelenkschmerz nicht zu bagatellisieren, zu einer Alterserscheinung zu machen, und nicht zu glauben, dagegen gebe es kein Heilmittel.

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