Ärzte Zeitung online, 26.10.2010

Deutsche Rheuma-Liga kritisiert aktuelle Gesundheitspolitik

Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin eröffnet

BONN/BERLIN (eb). Die Bundesregierung hat im Herbst eine Vielzahl von Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, die zu erheblichen Mehrbelastungen chronisch kranker Menschen führen werden. Darauf weist die Deutsche RheumaLiga (DRL) anlässlich der Eröffnung des Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin hin.

Vor allem die Bezieher von staatlichen Transferleistungen und niedrigen Einkommen würden zusätzlich belastet und müssten herbe Rückschläge bei ihrer sozialen Sicherung einstecken. "Alle zukünftigen Mehrbelastungen müssen allein die Versicherten tragen", kritisiert Professor Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga in einer Pressekonferenz.

Mit dem Arzneimittelneuordnungsgesetz werde das Sachleistungsprinzip als einer der Grundpfeiler der gesetzlichen Krankenversicherung aufgeweicht. Die DRL wehrt sich gegen diese geplante Entsolidarisierung mit den Kranken und Schwachen in der Gesellschaft und hat zu einer bundesweiten Unterschriftenaktion aufgerufen.

Die Unterzeichner fordern Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, die Ausrichtung ihrer Politik zu ändern. "Zusätzliche finanzielle Belastungen und Auseinandersetzungen mit Ärzten und Krankenkassen sind eine Zumutung für chronisch kranke Menschen. Politik und Gesellschaft müssen sozial verträglichere Lösungen finden", so Gromnica-Ihle in einer Mitteilung der DRL.

Handlungsbedarf bei nicht medikamentösen Therapien

Auch was die spezielle Versorgung rheumakranker Menschen betrifft, sieht die DRL Handlungsbedarf. Außer einem deutlichen Mangel an fachärztlicher Versorgung gibt es nach Auswertung der Kerndokumentation der Regionalen Kooperativen Rheumazentren erhebliche Defizite bei nicht-medikamentöser Therapie: Nur 1,5 Prozent der Patienten mit Rheumatoider Arthritis (RA) profitieren von ambulanter Patientenschulung.

Eine Ergotherapie wurde nur bei 2,5 Prozent der Betroffenen verordnet. Nach Angaben der Rheumatologen, die sich an der Kerndokumentation beteiligten, wurden nur 16 Prozent der RA-Betroffenen mit Krankengymnastik versorgt.

Angesichts der enormen Zahl von fünf Millionen Arthrosebetroffenen mahnt die DRL verstärkte Forschungsbemühungen an, zumal neue Erkenntnisse zur Entstehung von Arthroseschäden Hoffnungen auf neue Therapieoptionen wecken.

Die DRL unterstützt zudem die Forderung der DGOOC nach einem Endoprothesenregister. "Patienten, die vor der Entscheidung stehen, ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk zu erhalten, haben einen Anspruch auf geprüfte Sicherheit und Transparenz", so Gromnica-Ihle. Die DRL engagiert sich seit langem in den Gremien der Selbstverwaltung für die Einrichtung eines Endoprothesenregisters.

Erleichterte Verordnung von Funktionstraining

Eine Verbesserung für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen konnte die Rheuma-Liga bei der Verordnungsdauer von Funktionstraining erwirken. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist seit 1. Oktober 2010 nicht mehr strikt auf die Dauer von ein oder zwei Jahren begrenzt.

Die neue Rahmenvereinbarung sieht vor, dass von den Richtwerten abgewichen werden kann, wenn die Leistungen notwendig, geeignet und wirtschaftlich sind. So kann eine Verlängerung erforderlich werden durch das Auftreten einer akuten Verschlechterung der Grunderkrankung, wenn eine neue Diagnose hinzutritt, zum Beispiel eine Sekundär-Osteoporose bei RA, ebenso wenn kognitive oder psychische Beeinträchtigungen infolge unerwünschter Wirkungen von Medikamenten oder der chronischen Grunderkrankung bestehen.

"Dies ist eine deutliche Verbesserung zu früher", so die Einschätzung der Rheuma-Liga. Die Entscheidung über die Verlängerung trifft wie bisher die Krankenkasse. Eine Verordnung ist auch im Anschluss an eine Rehabilitationsmaßnahme für sechs oder zwölf Monate möglich. Dann ist die Rentenversicherung Träger der Maßnahme.

Ergänzend zum Funktionstraining halten die Verbände der DRL zunehmend neue Bewegungsangebote, wie Walking und Nordic-Walking, bereit. Gromnica-Ihle: "Gerade für die jüngere Klientel und die weniger stark beeinträchtigten Rheumabetroffenen werden Angebote entwickelt, die mehr in Richtung Fitness und Sport zielen, aber dennoch fachlich begleitet sind, um Fehlhaltungen und Überforderungen zu vermeiden."

Patiententag am 29. Oktober zum Thema Arthrose

Die Verbände Baden-Württemberg und Thüringen bieten seit kurzem mit positiver Resonanz Kurse im Aqua-Cycling an. In Baden-Württemberg wurde das Projekt mit einer Studie zur Qualitätssicherung wissenschaftlich begleitet von Professor Klaus Bös.

Neue Erkenntnisse in der Physiotherapie bei rheumatischen Erkrankungen zeigen, dass außer dem Erhalt der Beweglichkeit auch die Stärkung der Muskulatur für Rheumakranke bis ins hohe Alter von großer Bedeutung ist. Im Landesverband Niedersachsen wird derzeit ein spezielles Muskelaufbautraining durchgeführt.

Über die Angebote in Berlin informiert der Patiententag "Arthrose" am 29. Oktober, der auch in diesem Jahr wieder im Rahmen des Kongresses von der Deutschen Rheuma-Liga Berlin in enger Zusammenarbeit mit den Kongressveranstaltern und kompetenten Referenten aus deren Reihen durchgeführt wird. Termin ist Freitag, der 29. Oktober, im ICC, Saal 2 a, von 14.00 bis 18.00 Uhr. Zwischen 15.15 und 16.00 Uhr können sich Betroffene direkt Rat bei den Ärzten holen.

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