Ärzte Zeitung, 17.09.2015

Überraschende Erkenntnis

Künstliches Kniegelenk erhöht Gefahr für Herzinfarkt

In einer früheren Kohortenstudie senkte ein Knie- oder Hüftgelenkersatz die Herzinfarktrate um 40 Prozent. Nun kamen US-Forscher zu einem gegenteiligen Ergebnis: Vor allem kurz nach der Operation ist das Herzinfarktrisiko erhöht.

Von Robert Bublak

Künstliches Kniegelenk erhöht Gefahr für Herzinfarkt

Nach Einsatz einer Knie-Endoprothese bleibt das Herzinfarktrisiko ein halbes Jahr lang erhöht.

© pix4U / fotolia.com

BOSTON. Eigentlich wollten US-Forscher in einer Studie bestätigen, dass ein Hüft- und Kniegelenkersatz das kardiovaskuläre Risiko eines Patienten senken. Doch es kam anders.

Eine protektive Wirkung nach Eingriffen zum Gelenkersatz mit einer um mehr als 40 Prozent niedrigeren Herzinfarktrate im Vergleich zu Kontrollpersonen war in einer früheren Kohortenstudie zu beobachten gewesen.

Ereignisse, die kurz nach dem Eingriff auftraten, wurden darin aber nicht berücksichtigt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass dadurch ein Selektionsbias ins Spiel kam, insofern womöglich gerade die Daten der infarktanfälligsten Individuen nicht in die Analyse eingingen.

Daten von 14.000 Arthrosepatienten

Na Lu von der Boston University School of Medicine und Kollegen wollten die Ergebnisse der obengenannten Studie eigentlich replizieren.

Zu diesem Zweck verwendeten sie im Zuge einer propensitätsgematchten Studie Daten von knapp 14.000 Arthrosepatienten, die in den Jahren 2000 bis 2012 einen Hüft- oder Kniegelenkersatz erhalten hatten.

Ihnen wurden ebenso viele Kontrollprobanden beigesellt. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Median gut vier Jahre. Die Zahl der Herzinfarkte in den verschiedenen Gruppen während dieser Zeit wurde registriert und verglichen (Arthritis Rheumatol 2015, online 31. August).

Ausweislich der Ergebnisse von Lu und Kollegen kann von einem kardioprotektiven Effekt nach dem endoprothetischen Ersatz von Hüft- oder Kniegelenk keine Rede sein. So ereilte 306 Patienten mit Kniegelenkersatz und 286 Kontrollen ein Herzinfarkt. Über die gesamte Nachbeobachtungszeit machte dies zwar keinen signifikanten Unterschied aus.

Doch mit Blick auf die Zeit kurz nach der Operation war die Differenz deutlich. In den ersten vier Wochen nach dem Eingriff war das Herzinfarktrisiko in der Knieersatzgruppe 8,75-fach höher als in der Kontrollgruppe. Es blieb während des gesamten ersten halben Jahres nach der totalen Kniearthroplastik erhöht, danach verschwand die Differenz.

Hohe Op-Zahlen in Deutschland

Ein ähnliches Bild ergab sich beim Hüftgelenkersatz. 128 Infarkte unter den Operierten standen 138 bei den Nichtoperierten gegenüber. Im ersten postoperativen Monat freilich steigerte der Eingriff das Infarktrisiko um den Faktor 4,33. Danach waren die Unterschiede nicht mehr statistisch bedeutsam.

"Diese Befunde liefern erstmalig den populationsbasierten Nachweis, dass der endoprothetische Ersatz von Hüft- und Kniegelenk mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko in der Zeit nach der Operation vergesellschaftet ist", schreiben Lu und sein Team in ihrem Resümee. Auf lange Sicht sei der Einfluss allerdings gleich null.

Um die gewählte Analysemethode auf Verlässlichkeit zu prüfen, untersuchten die Forscher die Häufigkeit von Thromboembolien; die Beziehung von Thrombosen und Embolien zu Gelenkersatzoperationen ist gut etabliert.

Hier zeigte sich eine positive Korrelation über den gesamten Zeitraum hinweg, beginnend mit einer etwa 70-fachen Risikosteigerung im ersten Monat nach dem Eingriff. Danach ging die Gefahr zurück. Doch auch fünf Jahre nach dem Gelenkersatz traten Thromboembolien noch rund doppelt so häufig auf wie bei den Kontrollen.

Die Ergebnisse der US-Wissenschaftler dürften hierzulande auf besonderes Interesse stoßen. Immerhin ist Deutschland, was die Quote an Hüft- und Kniearthroplastiken betrifft, insgesamt gesehen Vizeweltmeister hinter der Schweiz.

Ausweislich der aktuellen OECD-Zahlen kommen auf 100.000 Bundesbürger 286 Operationen zum Knie- und 207 zum Hüftgelenkersatz.

[18.09.2015, 09:24:37]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
zumindest hätte man "kann vorübergehend" hinzufügen müssen.
Das erinnert an die Anämie als "Ursache", obwohl Sportler Höhentrainig machen, um die Kreislaufleistung zu steigern.
Nach dem "vorübergehend" SINKT das HI-Risiko selbstverständlich gegenüber "Rollstuhlfahrern".
Die Krankenkassen werden das aber trotzdem gerne aufgreifen um notwendige Op´s abzulehnen. Bisher haben sie dazu mit Vergleichen unterversorgter Ausländer als Vorbild argumentiert. zum Beitrag »
[18.09.2015, 08:40:59]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
So macht man mit grob vereinfachten Formulierungen unsinnige Aussagen.
Man kann die Zahl der Verkehrstoten durch das Auto sicher auf 0 bringen,
wenn man die Geschwindigkeitsbegrenzung ebenfalls auf 0 schraubt, also das Fahren ganz verbietet. zum Beitrag »

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