Ärzte Zeitung, 11.01.2006

Künstliche Bandscheibe - Orthopäden bremsen Erwartungen

Bandscheibenprothetik boomt in USA / Spezialisten warnen vor Komplikationen und frühen Revisionsoperationen / Restriktiver Einsatz gefordert

BOCHUM (nie). Künstliche Band-scheiben sollten in der Endoprothetik auch künftig nur sehr restriktiv eingesetzt werden. Das hat der Direktor der Orthopädischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum, Professor Jürgen Krämer, empfohlen.

Indikationen für Prothesen seien gealterte Bandscheiben sowie starke, therapieresistente Schmerzen. "Diese Indikation liegt aber nur bei einem Bruchteil der Patienten vor, die an der Bandscheibe operiert werden", sagte der Orthopäde zur "Ärzte Zeitung". In Fachkreisen werde der Einsatz von Bandscheibenprothesen sehr genau beobachtet, weil es mehrere Kontraindikationen gebe.

Es könnten Frakturen bei der Verankerung der teilweise aus Metallplatten bestehenden Bandscheibenprothese in den angrenzenden Wirbelkörpern auftreten. Dann werde eine frühe Revisionsoperation nötig.

    Eine Indikation für künstliche Bandscheiben sind etwa therapieresistente Schmerzen.
   

"Zudem muß im Laufe der Zeit mit einer Verlagerung des Implantates gerechnet werden, was ebenfalls eine erneute Operation erforderlich macht", betonte Krämer. Der Kollege hat internationale Studien über den Einsatz von Bandscheibenprothesen ausgewertet ("Zeitschrift für Orthopädie", 143, 2005, 281).

In den USA erlebt die Bandscheibenprothetik dagegen derzeit einen regelrechten Boom. Kommerzielle Anbieter preisen ihre Implantate als die medizinische Lösung zur Bekämpfung von Wirbelsäulenleiden an, die nicht mehr mit konservativen Therapien in den Griff zu bekommen sind. Damit stoßen sie besonders bei solchen Menschen auf offene Ohren, die seit Jahren unter starken Rückenschmerzen leiden.

Ein Vorteil der Prothesen: Meist schon einen Tag nach der Operation können sich die Patienten in der Regel wieder schmerzfrei bewegen. Bei Wirbelfusionen ist dies erst nach Wochen der Fall.

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat im vergangenen Jahr zwei Prothesen-Modelle zugelassen. Dazu gehört auch die nach der Berliner Klinik benannte SB-Charité-Prothese, die dort erstmals 1984 eingesetzt wurde. Weitere Modelle sollen in den kommenden Monaten ihre Zulassung erhalten.

Krämer fordert, den Einsatz der Implantate in Langzeitstudien zu dokumentieren und die Kontraindikationen zu überprüfen. Er befürchtet, daß sich die Bandscheibenprothese zum Beispiel als nachteilig erweisen könnte, wenn der Träger altert.

Auch Osteoporose könnte bei Prothesenträgern zu erheblichen Komplikationen führen und eine erneute Operation mit Fusion notwendig werden lassen.

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