Ärzte Zeitung online, 05.11.2008

Schraube plus Elektrostimulation statt Hüft-Op bei Hüftkopfnekrose

ROSTOCK (dpa/gwa). Viele Hüftoperationen mit Protheseneinsatz nach einer Hüftkopfnekrose müssten nicht sein, sagt Professor Wolfram Mittelmeier von der Uni Rostock. Er und sein Team behandeln Patienten, die früh genug kommen, mit einer Elektrodenschraube und elektrischen Feldern.

Foto: dpa

   Das Prinzip der Behandlung beruht auf der Erkenntnis, dass sich Zellen mit Elektrostimulation zur Teilung anregen lassen. Das passiert auch im Knochen.

Der Chef der Orthopädischen Universitätsklinik in Rostock Mittelmeier und sein Team haben eine 20 Jahre alte Idee von Forschern weiter entwickelt, die mit zwei Schrauben als Elektroden und einer elektrischen Spule Knochenzellen wachsen ließen und schwer heilende Knochenbrüche bei der Knochenneubildung unterstützen konnten.

"Für unsere Hüftinfarkt-Patienten brauchen wir den Strom im Knochen", so Mittelmeier. Es sei nun gelungen, das ganze System mit Elektroden und Spule in eine 7 cm langen und 6 mm dünnen Schraube hineinzubekommen. Diese wird in einer minimal-invasiven Operation nahe an den Hüftkopf herangeführt.

Anschließend werde zu Hause das System mehrere Stunden pro Tag von außen über eine Spule mit Energie versorgt, die dann von den Elektroden gezielt an den Hüftkopf abgegeben wird. Die Zellen im Knochen und den Gefäßen reagieren darauf, die Hüfte könne sich regenerieren, so der Therapie-Ansatz.

Der Einsatz der Schraube erfolgt ambulant, eine aufwendige Rehabilitation sei nicht notwendig - ein starkes Argument für Verhandlungen mit den Krankenkassen.

200 Patienten seien in München, Eisenberg (Thüringen) und Rostock in den vergangenen vier Jahren so behandelt worden. Die Heilungsquote liege bei 80 Prozent, wenn die Knorpeloberfläche des Hüftkopfes noch erhalten ist. Vor wenigen Wochen hat eine kontrollierte klinische Studie begonnen. Ein US-Medizinkonzern habe angekündigt, die Spezialschraube in Serie produzieren zu wollen.

Die Forschungen an dem System gehen weiter, berichtet Professor Hartmut Ewald, Direktor des Instituts für Allgemeine Elektrotechnik an der Universität Rostock. Es müsse überprüft werden, welche elektrischen Feldstärken benötigt werden, um die Zellen optimal zu stimulieren und wie das Feld räumlich ausgelegt werden muss.

Forschungen gebe es auch an Wechselimplantaten, die dann zum Einsatz kommen können, wenn sich bei künstlichen Gelenken im Laufe von etwa 15 bis 20 Jahren der umgebende Knochen zurückgebildet hat. Mit elektrischen Feldern solle nun erreicht werden, dass sich in diesen Regionen der Knochen regeneriert und so die Gehfähigkeit der Patienten erhalten bleibt.

Stichwort Hüftkopfnekrose

Ursache der Hüftkopfnekrose ist eine Durchblutungsstörung. Symptom ist oft ein stechender Schmerz in der Hüfte, dessen Stärke aber nicht lang anhält. Der Hüftinfarkt ist nach Worten Mittelmeiers eine der typischen Zivilisationskrankheiten: "Ursachen sind meist Rauchen, zu hohe Blutfettwerte und zu hoher Alkoholkonsum." Pro Jahr sind mehrere Tausend Menschen in Deutschland betroffen.

Gehen die Betroffenen innerhalb weniger Wochen zum Orthopäden, könnten viele Patienten mit der Rostocker Methode behandelt werden.

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